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Symptome sind keine Fehler – was unser Nervensystem wirklich zeigt

  • Autorenbild: Anne
    Anne
  • 26. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Feb.



Der Körper weiß oft früher als der Kopf, was ihm gut tut.


Kind sitzt vor dem Gollinger Wasserfall in Salzburg in der Natur - Ruhe für das Nervensystem und ein Moment der Regulation
Manchmal reicht ein Moment, in dem man einfach nur sitzt und schaut. Unser Nervensystem reagiert ständig auf seine Umgebung – Wasser, Bewegung, Geräusche, Natur. Der Körper reguliert sich nicht nur durch Lösungen, sondern oft schon durch das, was wir sehen, hören und erleben. Manchmal beginnt Regulation nicht durch Kontrolle, sondern in dem Moment, in dem der Körper wieder Sicherheit spürt.

Viele Menschen betrachten Symptome als Störung. Kopfschmerzen, Erschöpfung, Schlafprobleme oder innere Unruhe sollen möglichst schnell verschwinden. Doch biologisch betrachtet sind Symptome oft keine Fehler des Körpers. Häufig sind sie Reaktionen unseres Nervensystems auf Stress, Lebensumstände und innere Spannungen. Der Körper reagiert auf das Leben, das wir führen.


Wir haben gelernt, Symptome wie Feinde zu behandeln. Etwas funktioniert nicht, also muss es repariert werden. Doch der menschliche Organismus arbeitet nicht gegen uns. In der Biologie geschieht nichts ohne Zusammenhang. Der Körper versucht ständig, Gleichgewicht herzustellen.


Interessant ist dabei schon das Wort selbst. Der Begriff Symptom stammt aus dem Griechischen, von sýmptōma, und bedeutet so viel wie „das, was zusammenkommt“ oder „das, was sichtbar wird“. Ein Symptom beschreibt also zunächst nichts anderes als ein Anzeichen oder einen Hinweis. Etwas im Körper reagiert auf etwas im Leben.

Damit stellt sich eine entscheidende Frage: Wann beginnt ein Symptom eigentlich wirklich?

Die meisten Menschen glauben, ein Symptom beginnt dann, wenn es weh tut. Wenn der Kopf schmerzt, der Rücken blockiert, der Schlaf ausbleibt oder die Erschöpfung so groß wird, dass man nicht mehr weitermachen kann. Doch biologisch gesehen beginnt ein Symptom fast immer viel früher.


Der Körper arbeitet lange im Hintergrund, bevor wir etwas bemerken.

Unser Nervensystem scannt permanent unsere Umgebung. Sicherheit, Druck, Konflikte, Verantwortung, Erwartungen, Tempo. Diese Informationen werden ständig bewertet. Darauf reagiert der Körper: Hormone verändern sich, Muskeln spannen sich an, Energie wird anders verteilt, Schlaf verändert sich, das Immunsystem reagiert sensibler.

Am Anfang merken wir davon meist nichts.

Der Körper kompensiert.


Viele Symptome haben deshalb eine Vorgeschichte, die wir übersehen.

Zuerst läuft Regulation im Hintergrund. Das Nervensystem versucht Belastungen auszugleichen. Vielleicht schläft man etwas schlechter, ist schneller gereizt oder braucht mehr Energie, um durch den Tag zu kommen.

Dann beginnt eine zweite Phase. Der Körper verändert sein Verhalten. Müdigkeit, Verspannung, innere Unruhe, Verdauungsveränderungen oder Konzentrationsprobleme tauchen auf. Eigentlich sind das bereits Symptome, nur werden sie gesellschaftlich noch nicht als solche ernst genommen.

Erst in der dritten Phase wird es deutlich. Schmerz. Migräne. Schlaflosigkeit. Erschöpfung. Jetzt lässt sich der Körper nicht mehr übergehen.

Viele Menschen sagen dann: „Das kam plötzlich.“

Für den Körper kam es nicht plötzlich.

Für unser Bewusstsein schon.


Ein Gedanke dazu kam mir durch einen Film, der mich längere Zeit beschäftigt hat: Apocalypto. Der Film wurde von Mel Gibson inszeniert. Darin wird versucht, die Welt der Maya kurz vor der Ankuft der Spanier darzustellen. Klar wird, wie bei einem alten Maya-Stamm Angst nicht einfach als Gefühl verstanden wird, sondern fast wie eine Krankheit. Entscheidend ist dabei, woran man Angst erkennt. Nicht an einer Diagnose, sondern an Zeichen: Körperspannung, Verhalten, Blick, Unruhe. Also an Symptomen.

Dieser Blick ist erstaunlich nah an dem, was wir heute über Stressbiologie und das menschliche Nervensystem wissen. Der Körper reagiert ständig auf Sicherheit oder Bedrohung. Häufig bemerken wir erst die Symptome, lange nachdem unser Nervensystem bereits reagiert hat.


Aus Sicht der Psychoneuroimmunologie entsteht Gesundheit deshalb nie isoliert. Sie entsteht im Zusammenspiel von Körper, Nervensystem, Immunsystem, Erfahrungen, Stress und Lebensführung. Der Organismus reagiert auf das Leben, das wir führen.

Und genau hier wird es unbequem.


Denn wenn Symptome Informationen sind, erzählen sie auch etwas über Entscheidungen, Grenzen, Anpassung und manchmal darüber, wie weit wir uns von uns selbst entfernt haben.

Unsere Gesellschaft hat ein anderes Modell gelernt. Funktionieren. Optimieren. Weitermachen. Müdigkeit wird mit Kaffee übergangen, Stress mit Disziplin, innere Unruhe mit Ablenkung. Der Körper soll mithalten, egal wie das Leben aussieht.

Doch der Körper ist kein Angestellter unseres Kalenders.

Irgendwann beginnt er, deutlicher zu sprechen.

Migräne. Schlafprobleme. Erschöpfung. Spannung im Körper. Verdauungsprobleme. Nervosität. Viele dieser Symptome sind keine zufälligen Störungen. Sie sind Versuche des Nervensystems, wieder Gleichgewicht herzustellen.


Man könnte es auch provokanter sagen:

Der Körper ist oft gesünder als das Leben, das wir führen.


Ein besonders unbequemer Gedanke ist, dass Symptome manchmal sogar eine Funktion erfüllen. Sie erzwingen Pausen, die wir uns selbst nicht erlauben. Sie stoppen ein Tempo, das längst zu viel ist. Sie schaffen Raum.

Nicht geplant. Nicht bewusst. Aber biologisch nachvollziehbar.


Symptome wirken deshalb nur dann sinnlos, wenn man den Zusammenhang zwischen Biologie, Nervensystem und Lebensführung ausblendet.

Gesundheit lässt sich nicht vom Leben trennen. Wer Symptome verstehen will, muss das Leben dahinter anschauen. Genau darin liegt der Kern meiner Arbeit.


Anne von Aufseß

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