Warum auf Instagram keine echten Diskussionen mehr möglich sind
- Anne

- 22. März
- 6 Min. Lesezeit

Du liest einen Beitrag, bleibst daran hängen und merkst schon während des Lesens, dass sich in dir etwas regt, weil du spürst, dass eine Perspektive fehlt oder ein Gedanke nicht ganz zu Ende gedacht ist, sodass ein innerer Impuls entsteht, dich einzubringen und diesen Gedanken zu ergänzen.
Also nimmst du dir ganz bewusst die Zeit, formulierst deine Gedanken ruhig und klar und bringst deine Argumente so auf den Punkt, wie du es dir selbst wünschen würdest, wenn jemand mit dir in einen Austausch geht, der wirklich auf Augenhöhe stattfindet und nicht von vornherein in eine Richtung kippt.
In diesem Moment gehst du davon aus, dass genau das jetzt entstehen kann, nämlich ein Gespräch, das sich entwickelt, ein echtes Ringen um Klarheit, vielleicht sogar ein Austausch, aus dem beide Seiten etwas mitnehmen und an dem beide wachsen können, weil genau das ja eigentlich der Sinn einer Diskussion ist.
Für einen kurzen Moment fühlt sich das auch genau so an, als wäre dieser Raum offen.
Und dann kippt es.
Nicht langsam und nicht subtil, sondern deutlich spürbar und oft sehr abrupt, sodass man den Moment fast greifen kann, in dem sich die gesamte Dynamik verändert.
Die Ebene verschiebt sich, der Ton wird schärfer und plötzlich geht es nicht mehr um Inhalte, nicht mehr um das Thema und auch nicht mehr um die Frage, was vielleicht tatsächlich stimmt, sondern ausschließlich um dich als Person, deine Kompetenz und deine „Berechtigung“, überhaupt etwas dazu zu sagen.
Deine Worte werden verdreht, deine Intention wird infrage gestellt oder du wirst direkt abgewertet, und genau in diesem Moment entsteht dieses kurze Innehalten, in dem du dich fragst, wie aus einem sachlichen Impuls so schnell ein persönlicher Angriff werden konnte.
Genau das ist mir diese Woche passiert, und ich bin mir ziemlich sicher, dass viele diesen Moment kennen, weil er sich nicht wie eine Ausnahme anfühlt, sondern wie etwas, das sich immer häufiger wiederholt und fast schon zur Normalität geworden ist.
Es ist dieser Punkt, an dem man sehr klar spürt, dass die Diskussion inhaltlich längst beendet ist, obwohl noch Worte gewechselt werden, weil die eigentliche Ebene schon lange verlassen wurde.
Wenn man beginnt, das Ganze etwas tiefer zu betrachten, wird schnell deutlich, dass es in diesen Momenten selten wirklich um den Inhalt geht, sondern um etwas, das viel grundlegender und gleichzeitig viel verletzlicher ist.
Es geht um Selbstwert.
Denn sobald das, was wir sagen, das, was wir teilen oder das, worauf wir unsere Arbeit aufbauen, hinterfragt wird, berührt das oft nicht nur einen einzelnen Gedanken, sondern ein ganzes inneres Konstrukt, das wir uns über die Zeit aufgebaut haben.
Gerade im Coaching und Mentoring ist das besonders deutlich, weil viele ihre Position sehr stark über ihr Wissen, ihre Sichtweise und ihre Aussagen definieren, sodass dieses Wissen nicht nur zur Grundlage ihrer Arbeit wird, sondern auch zu einem Teil ihres Selbstbildes.
Wenn genau dieses Wissen dann hinterfragt wird, entsteht innerlich kein neutraler Raum mehr, in dem man einfach prüfen kann, ob ein Gedanke vielleicht sinnvoll ist oder nicht, sondern ein Moment, der sich für viele wie ein Angriff anfühlt, weil plötzlich nicht nur die Aussage, sondern auch das eigene Gefühl von Sicherheit ins Wanken gerät.
Es ist dann nicht einfach nur ein anderer Blickwinkel, sondern schnell ein innerer Gedanke wie: Vielleicht habe ich etwas übersehen, vielleicht liege ich nicht richtig oder vielleicht bin ich doch nicht so sicher, wie ich dachte.
Und genau dieses Gefühl ist für viele Menschen schwer auszuhalten, weil es direkt an das eigene Empfinden von „Ich bin gut genug“ rührt.
Was dann passiert, ist kein bewusster Entschluss, unsachlich zu werden oder den anderen anzugreifen, sondern ein automatischer Schutzmechanismus, der versucht, dieses unangenehme Gefühl so schnell wie möglich wieder zu regulieren und die eigene innere Stabilität wiederherzustellen.
Anstatt also stehen zu bleiben, zuzuhören und den Gedanken wirklich zu prüfen, verschiebt sich die Ebene, weil das System einen schnelleren Weg sucht, um sich wieder sicher zu fühlen.
Aus Argumenten werden Bewertungen, aus einem Gegenüber wird jemand, den man infrage stellt oder kleiner macht, und aus einem möglichen Austausch wird ein persönlicher Angriff, der oft mit Abwertung, Spott oder Ironie einhergeht.
Man beginnt, sich über den anderen zu stellen, ihn zu belächeln oder abzuwerten, nicht weil man tatsächlich überlegen ist, sondern weil man sich in diesem Moment danach sehnt, sich wieder größer zu fühlen, um nicht in dieses unangenehme Gefühl von Kleinheit oder Unsicherheit zu rutschen.
Wenn man das einmal wirklich versteht, verändert sich der Blick auf solche Situationen grundlegend, weil persönliche Angriffe dann nicht mehr wie Stärke oder Klarheit wirken, sondern wie ein Ausdruck von innerem Druck, von Unsicherheit und von einem System, das gerade versucht, sich selbst zu stabilisieren.
Und genau das ist der Punkt, der mich nachdenklich macht, weil er weit über diese eine Situation hinausgeht.
Denn wir sprechen hier nicht über irgendein beliebiges Thema, sondern über Coaching und Mentoring, über Menschen, die sich an uns wenden, weil sie Orientierung suchen, weil sie Unterstützung brauchen oder weil sie an einem Punkt stehen, an dem sie alleine nicht weiterkommen und jemanden brauchen, der sie begleitet.
Und genau deshalb braucht es in diesem Bereich etwas, das über reines Wissen hinausgeht, weil Wissen allein nicht ausreicht, um Menschen wirklich zu begleiten.
Es braucht emotionale Reife.
Diese Reife zeigt sich nicht darin, immer recht zu haben oder jede Diskussion zu gewinnen, sondern darin, stehen bleiben zu können, wenn es unangenehm wird, zuzuhören, auch wenn innerlich Widerstand entsteht, und Gedanken prüfen zu können, ohne sich sofort verteidigen oder schützen zu müssen.
Sie zeigt sich darin, unterscheiden zu können zwischen dem, was ich weiß, und dem, was ich bin, weil genau dort ein Raum entsteht, in dem Entwicklung überhaupt erst möglich wird.
Denn echte Begleitung beginnt nicht beim Wissen, und sie beginnt ganz sicher nicht bei dem, was wir aus Schulbüchern gelernt haben, bei auswendig gelernten Konzepten oder bei sauber formulierten Theorien, die sich gut anhören, aber oft keinen echten Halt im Leben haben.
Echte Begleitung beginnt dort, wo Wissen gelebt wurde, wo Erfahrungen gemacht wurden, wo Dinge nicht nur verstanden, sondern durchlebt wurden, wo man selbst gefallen ist, sich wieder aufgerichtet hat und genau dadurch ein Verständnis entstanden ist, das tiefer geht als jede Theorie.
Es geht nicht nur um Wissen, sondern um Entwicklung, um Entfaltung und um Selbstführung, und genau diese Qualität entsteht nicht durch die Ansammlung von Informationen, sondern durch Anwendung, durch Erfahrung und durch die Bereitschaft, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Wissen bleibt oberflächlich, solange es nicht gelebt wird, und erst in dem Moment, in dem Wissen angewendet wird, beginnt es sich zu verändern, sodass aus Wissen Erfahrung wird und aus Erfahrung mit der Zeit etwas entsteht, das man nicht mehr lernen kann, sondern nur noch verkörpern kann, nämlich Weisheit.
Und genau hier hat das Ego nichts zu suchen, weil in dem Moment, in dem das Ego die Führung übernimmt, es nicht mehr um den Menschen geht, sondern um Wirkung, um Recht haben, um Position und um das eigene Bild nach außen.
Dann wird aus Begleitung schnell ein Machtgetue, ein Egogegockel, das laut ist, sichtbar ist und vielleicht sogar beeindruckt, aber selten wirklich berührt oder verändert.
Denn echte Begleitung braucht keine Bühne, sondern Präsenz, Klarheit und die innere Stabilität, sich nicht über den anderen stellen zu müssen, um sich selbst sicher zu fühlen.
Wenn wir beginnen, Wissen zu benutzen, um uns über andere zu erheben, verlieren wir genau das, worum es eigentlich geht, nämlich den Menschen, seine Entwicklung und die Möglichkeit, echte Veränderung zu ermöglichen.
Für mich ist daraus eine klare Haltung entstanden, denn ich werde weiterhin diskutieren, weiterhin hinterfragen und mich auch weiterhin hinterfragen lassen, nicht weil ich glaube, alles zu wissen, sondern weil ich überzeugt bin, dass genau darin Entwicklung entsteht.
Denn am Ende geht es nicht darum, recht zu behalten, sondern darum, besser zu werden, für sich selbst und für die Menschen, die uns vertrauen.
Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Frage, die wir uns in solchen Momenten stellen können, nämlich ob es uns gerade wirklich um den Inhalt geht oder darum, ein unangenehmes Gefühl in uns selbst möglichst schnell wieder loszuwerden.
Denn in dem Moment, in dem eine Diskussion persönlich wird, ist sie fachlich längst beendet, und vielleicht liegt genau darin nicht nur die Erklärung für viele dieser Situationen, sondern auch die Einladung, wieder zurückzufinden zu echtem Austausch, zu echtem Lernen und zu einer Form von Coaching und Mentoring, in der das eigene Ego nicht im Weg steht.



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