Warum wir über Epstein sprechen – und über Kentler geschwiegen haben
- Anne

- 16. Feb.
- 4 Min. Lesezeit

Der bequeme Zeigefinger und die Angst, vor der eigenen Tür zu kehren
Es gibt Skandale, die lassen sich öffentlich verhandeln, ohne dass sie uns wirklich berühren. Sie erschüttern, empören, liefern Stoff für Dokumentationen, Talkshows und Podcasts – und sie tun das in sicherer Distanz. Die Akten rund um Jeffrey Epstein gehören genau in diese Kategorie. Sie erzählen von Machtmissbrauch, sexualisierter Gewalt, Eliten und moralischem Verfall. Sie sind eindeutig. Sie sind international. Und vor allem: Sie passieren woanders.
Epstein ist der perfekte Täter für kollektive Empörung. Ein Mann, den man verurteilen kann, ohne sich selbst mitzudenken. Ein Fall, der erlaubt, mit dem Finger zu zeigen und dabei auf der sicheren Seite zu bleiben. Der Zeigefinger zeigt nach außen – und genau das macht ihn so bequem.
Ganz anders verhält es sich mit Helmut Kentler.
Kentler ist kein fernes Monster. Er war Professor, Sexualpädagoge, Gutachter, Berater staatlicher Stellen. Seine Ideen entstanden nicht im Untergrund, sondern im Zentrum einer sich selbst als aufgeklärt verstehenden Gesellschaft. Seine Praxis – die bewusste Unterbringung sogenannter „schwer erziehbarer“ Jungen bei pädosexuellen Pflegevätern – wurde nicht heimlich geduldet, sondern über Jahrzehnte hinweg organisiert, begleitet und finanziert. Durch Jugendämter. Durch Behörden. Durch ein System, das Schutz versprach und ihn gleichzeitig außer Kraft setzte.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht im moralischen Gewicht der Taten, sondern in ihrer Nähe. Epstein steht außerhalb unseres kollektiven Selbstbildes. Kentler steht mitten darin.
Über Epstein zu sprechen stabilisiert unser Gefühl von Ordnung. Es bestätigt die Annahme, dass Missbrauch das Werk einzelner entgrenzter Täter ist, die irgendwann entlarvt werden. Über Kentler zu sprechen destabilisiert diese Annahme radikal. Denn hier wird sichtbar, dass Gewalt nicht nur trotz, sondern innerhalb von Schutzsystemen entstehen kann. Dass Missbrauch möglich wird, wenn er ideologisch legitimiert ist. Dass Titel, Konzepte und Fortschrittsrhetorik Wahrnehmung betäuben können.
Und genau deshalb wird Kentler verdrängt.
Denn wer Kentler ernst nimmt, muss anerkennen, dass staatliche Institutionen nicht nur versagt haben, sondern über lange Zeit bereit waren, dieses Versagen zu tragen. Warnungen wurden ignoriert, Kontrollen unterlassen, Verantwortung delegiert. Diese Praxis war kein kurzes historisches Versehen. Sie zog sich über Jahrzehnte – bis in die frühen 2000er-Jahre hinein. Kentler selbst war längst tot. Die Strukturen lebten weiter.
Hier wird der mediale Unterschied erklärbar. Epstein liefert Drama, Spannung, klare Täterbilder. Kentler liefert Akten, Zuständigkeiten, Systemfragen. Epstein lässt sich erzählen, ohne dass jemand Verantwortung übernehmen muss. Kentler zwingt genau dazu.
Deutsche Medien recherchieren mit Vorliebe nach außen. Internationale Netzwerke, globale Skandale, entfernte Eliten. Der Blick nach außen ist sicher. Er verlangt keine Selbstkorrektur. Er stellt keine unbequemen Fragen an das eigene System. Dabei gäbe es im eigenen Land genug aufzuarbeiten. Der Fall Kentler ist bis heute nicht vollständig geklärt. Die Opfer sind nicht umfassend benannt, nicht systematisch entschädigt, oft erst spät oder gar nicht informiert worden. Es gibt Berichte, Studien, Erkenntnisse – aber keine konsequente öffentliche Auseinandersetzung.
Noch schwerer wiegt, was kaum ausgesprochen wird: Die beteiligten Institutionen existieren weiterhin. Jugendämter, Verwaltungsstrukturen, Ausbildungssysteme. Es gab keine flächendeckenden personellen Konsequenzen, keine öffentliche Benennung von Verantwortung, keine radikale Zäsur. Viele Beteiligte konnten ihre beruflichen Wege fortsetzen – in anderen Funktionen, anderen Kontexten, innerhalb desselben Systems. Nicht verborgen, sondern integriert.
Darüber spricht man ungern. Denn hier endet Empörung und beginnt Selbstbefragung. Hier reicht es nicht mehr, Täter zu dämonisieren. Hier müssen Strukturen hinterfragt werden. Und das bedeutet, das eigene Vertrauen in Staat, Institutionen und Fortschritt zu erschüttern.
Epstein zeigt, dass Macht missbraucht werden kann. Kentler zeigt, dass Systeme Missbrauch ermöglichen - und schützen. Darüber besteht kein Zweifel. Doch Männer wie Kentler existierten hier, vor Ort, eingebettet in ein System, das sich selbst für moralisch hielt. Und genau dieses System ist bis heute nicht wirklich geklärt. Das Schweigen darüber ist kein Zufall. Es ist ein Schutzmechanismus.
Der Zeigefinger nach außen wirkt beruhigend. Er schafft Gemeinschaft im Urteil. Man ist sich einig, auf der richtigen Seite zu stehen. Der Blick nach innen hingegen ist riskant. Er gefährdet das Selbstbild einer aufgeklärten Gesellschaft. Er legt offen, wie schnell Gewalt normalisiert wird, wenn sie in der Sprache von Wissenschaft, Reform und Verantwortungslosigkeit daherkommt.
Dass Epstein medial attraktiver ist als Kentler, ist ein klares Zeichen unserer heutigen Gesellschaft. Wir bevorzugen das Spektakuläre gegenüber dem Strukturellen. Das Fremde gegenüber dem Eigenen. Die Empörung gegenüber der Verantwortung.
Doch genau hier läge die eigentliche Aufgabe von Journalismus und Öffentlichkeit. Nicht im nächsten internationalen Leak, sondern in der konsequenten Auseinandersetzung mit dem, was im eigenen Land möglich war – und teilweise noch immer möglich ist. Kentler ist kein abgeschlossenes Kapitel. Er ist eine offene Rechnung. Ein Prüfstein dafür, ob Aufarbeitung mehr sein darf als Verwaltung von Schuld.
Epstein zeigt, dass Macht missbraucht werden kann. Kentler zeigt, dass Systeme Missbrauch ermöglichen.
Und dass wir über das eine lieber sprechen als über das andere, sagt am Ende mehr über uns aus als über beide Fälle selbst.



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