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Ich habe gelernt, mir selbst zu vertrauen

Das Bild wirkt wie ein Innehalten. Wie eine Erinnerung daran, dass Wege nicht immer gerade verlaufen müssen, um richtig zu sein. Wasser sucht nicht den Widerstand, es umgeht ihn. Es bleibt in Bewegung, auch wenn es Umwege nimmt. Genau das strahlt dieses Bild aus: Vertrauen darin, dass es weitergeht – nicht trotz der Brüche, sondern mit ihnen.
Das Bild wirkt wie ein Innehalten. Wie eine Erinnerung daran, dass Wege nicht immer gerade verlaufen müssen, um richtig zu sein. Wasser sucht nicht den Widerstand, es umgeht ihn. Es bleibt in Bewegung, auch wenn es Umwege nimmt. Genau das strahlt dieses Bild aus: Vertrauen darin, dass es weitergeht – nicht trotz der Brüche, sondern mit ihnen.


Ich war immer schon das schlanke Mädchen. Dafür bekam ich viele Komplimente, als Kind und als Heranwachsende. Welche Spuren diese Worte hinterlassen würden, verstand ich erst viel später. Als ich anfing, mir beweisen zu wollen, dass ich „das“ esse, viel essen kann und trotzdem das dünne Mädchen bleibe, begann ich, den Bauch einzuziehen und mir früh Anti-Cellulite-Tipps zu Herzen zu nehmen. Ich schwankte zwischen Essen und Verzicht, begleitet von einer leisen, aber stetigen Suche nach Bestätigung.


Mit Anfang zwanzig fand ich mich in meiner ersten narzisstischen Beziehung wieder, mit einem Mann, der elf Jahre älter war als ich. Eifersucht, Grenzüberschreitungen und körperliche Gewalt erschütterten mich. Nach der Trennung folgte eine zweite toxische Beziehung, die dem gleichen Muster folgte. Es dauerte fast drei Jahre, bis ich einen endgültigen Schlussstrich ziehen konnte. Ich war müde, mein Gewicht niedrig, mein inneres Gleichgewicht brüchig. Ich gönnte mir eine längere Pause und nahm mir vor, meine Grenzen künftig bewusster wahrzunehmen, auch wenn ich noch nicht wusste, wie sich das wirklich anfühlen würde.


Ich meldete mich im Fitnessstudio an und fand dort zunächst etwas, das sich nach Stärke anfühlte. Körperliche und mentale Kraft aufbauen, ein Ziel verfolgen, Struktur haben. Die Fitnesswelt zog mich schnell in ihren Bann, ohne dass ich sie hinterfragte. Ich begann, Kalorien zu zählen, ging bis zu sechs Mal die Woche ins Gym und versuchte, möglichst „clean“ zu essen. Geburtstage und Feste wurden zu Rechenaufgaben, Training durfte nicht ausfallen. Fünf Tage Disziplin, dann Cheattage am Wochenende. Ich aß Süßes, Herzhaftes, alles, was sonst verboten war, weil ja Wochenende war. Abends verlor ich oft die Kontrolle, getrieben von dem Gefühl, noch mehr essen zu müssen. Das Ergebnis war eine ungesunde Gewichtszunahme von Kleidergröße 34 auf 38/40.


Mit 29 zeigte mir mein Körper deutlich, dass etwas nicht stimmte. Anhaltende Müdigkeit, Schulterschmerzen, später Empfindungsstörungen in der rechten Körperhälfte. Nach zahlreichen Arztbesuchen bekam ich schließlich eine Einweisung ins Krankenhaus. Der Verdacht: Multiple Sklerose. Die Diagnose hat vieles verändert. Ich wechselte den Job, begann meine Prioritäten zu hinterfragen und merkte, dass ich so nicht weitermachen konnte wie bisher.


Es folgten unzählige Untersuchungen, Schübe und Cortisontherapien. Der Verdacht bestätigte sich. Mein Gewicht ging wieder nach unten, doch den Kontrollverlust konnte ich innerlich kaum aushalten. Trotz Cortison stand ich benebelt und kraftlos im Gym, unfähig loszulassen. Erst nach und nach begann ich zu verstehen, dass es keinen einen Wendepunkt gab. Keine klare Linie, keinen Moment, ab dem plötzlich alles anders war.


Was mich verändert hat, war der Weg selbst. Das Bewusstsein, das ich entwickelt habe. Die vielen kleinen Momente, in denen mein Körper mir Signale geschickt hat – und ich gelernt habe, sie nicht mehr zu übergehen. Ich begann, mich mit mir auseinanderzusetzen. Mit meinen Triggern. Mit der Frage, warum Kontrolle für mich so wichtig war, warum es mir so schwerfiel, Grenzen zu respektieren, warum ich immer wieder über mich hinausging, statt bei mir zu bleiben. Persönlichkeitsentwicklung, innere Kind Arbeit, ehrliches Hinschauen – all das war und ist Teil dieses Weges.


Jeder neue Schub, jede Therapie, jede erzwungene Pause brachte mich ein Stück näher zu mir selbst. Nicht durch Leistung, sondern durch Zuhören. Nicht durch Durchhalten, sondern durch Annehmen.

Nach drei Immunmodulationstherapien, von denen zwei aufgrund schwerer Nebenwirkungen abgebrochen werden mussten, lebe ich heute – fast zehn Jahre später – ohne Therapie, ohne Hilfsmittel und ohne Einschränkungen.


Heute bin ich zweifache Mama und mehr in meiner Mitte als je zuvor. Nicht, weil alles leicht war oder geradlinig verlief, sondern weil ich gelernt habe, mich nicht mehr gegen mich selbst zu stellen. Achtsamkeit und die Fähigkeit, mich den Lebensumständen anzupassen, haben mich aus dem inneren Kampf geführt. Sport ist noch immer Teil meines Lebens, aber nicht mehr als Kontrolle, sondern als Kraftquelle. Ich esse, was mir schmeckt, ohne Zwang, ohne Verzicht, mit Genuss.


Rückblickend war kein Abschnitt meines Weges umsonst. Auch die Situationen, die sich aussichtslos angefühlt haben, haben mich nicht gebrochen. Ich habe sie überstanden. Und genau daraus ist etwas entstanden, das heute trägt. Selbstvertrauen. Vertrauen in meinen Körper. Vertrauen in meine eigene Stärke.


Ich weiß heute, dass Vertrauen nicht laut ist. Es fühlt sich ruhig an. Unspektakulär. Und genau darin liegt seine Kraft. Ich muss nichts mehr beweisen. Ich darf da sein. In diesem Körper. In diesem Leben.


Heute vertraue ich meinem Körper. Und mir selbst.


von Sarah Diekmann


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