Selbstliebe ist nicht nett
- Anne

- vor 6 Tagen
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Aktualisiert: vor 3 Tagen
Sie ist ehrlich. Und genau deshalb verändert sie alles
Selbstliebe.
Dieses Wort hat es inzwischen geschafft, gleichzeitig zu nerven und Sehnsucht auszulösen. Es steht auf Kaffeetassen, Yogamatten, Instagram-Posts und irgendwo zwischen „Du musst dich nur lieben“ und „Dann ist alles gut“ verliert es etwas Entscheidendes: die Realität.
Denn Selbstliebe ist kein Zustand. Kein Ziel. Kein rosa Wattegefühl, das man einmal erreicht und dann für immer behält. Selbstliebe ist eher wie Zähneputzen. Lässt du es zu lange schleifen, merkt es irgendwann jeder. Vor allem du selbst.
Die meisten Menschen glauben, Selbstliebe hätte etwas mit Wohlfühlen zu tun. Mit Bädern bei Kerzenschein, gutem Essen, Pausen, Massagen. All das kann dazugehören. Muss es aber nicht. Und manchmal ist es sogar das Gegenteil. Selbstliebe ist oft unbequem. Still. Unsexy. Und ziemlich ehrlich.
Selbstliebe beginnt meistens nicht da, wo du dich magst. Sondern da, wo du aufhörst, dich ständig zu verlassen.
Im Alltag zeigt sich fehlende Selbstliebe selten dramatisch. Sie kommt leise. In kleinen Sätzen.„Das mach ich schnell noch.“„Ich halt das schon aus.“„Ist ja nicht so wichtig.“„Die anderen brauchen mich gerade mehr.“
Und irgendwann sitzt du da, mit einem leisen Druck im Brustkorb, Kopfschmerzen aus dem Nichts oder dieser diffusen Erschöpfung, die kein Schlaf der Welt richtig repariert. Du funktionierst. Aber du bist nicht mehr wirklich da.
Selbstliebe ist der Moment, in dem du merkst: Ich bin mir selbst abhandengekommen. Und ich höre auf, das zu ignorieren.
Sie bedeutet nicht, dich großartig zu finden. Sie bedeutet, dich ernst zu nehmen. Deine Grenzen. Deine Müdigkeit. Deine Wut. Deine Sehnsucht. Auch das, was nicht „nett“ ist. Nicht angepasst. Nicht praktisch.
Selbstliebe ist, wenn du merkst, dass dein Nein genauso viel Wert hat wie dein Ja. Wenn du aufhörst, dich zu erklären, sobald du etwas nicht mehr willst. Wenn du aufhörst, dich für deine Bedürfnisse zu schämen, nur weil sie anderen unbequem sind.
Und ja, das ist anstrengend. Weil viele von uns gelernt haben, Liebe über Leistung zu definieren. Über Anpassung. Über Verfügbarkeit. Über „Ich bin gut, wenn ich gebraucht werde“.
Selbstliebe bricht dieses alte Geschäft. Sie sagt: Ich bin auch dann wertvoll, wenn ich nichts leiste. Auch dann, wenn ich enttäusche. Auch dann, wenn ich mich ändere.
Im Alltag sieht Selbstliebe oft unspektakulär aus. Es ist der Moment, in dem du das Handy weglegst, obwohl noch Nachrichten offen sind. Der Moment, in dem du ein Gespräch beendest, das dir Energie zieht. Der Moment, in dem du spürst: Wenn ich jetzt weitermache, verrate ich mich.
Selbstliebe ist, dir selbst zuzuhören, bevor dein Körper lauter werden muss.
Viele warten darauf, sich erst „gut genug“ fühlen zu müssen, um sich zu lieben. Das ist ein Denkfehler. Selbstliebe ist kein Ergebnis. Sie ist eine Entscheidung. Immer wieder. Gerade dann, wenn du dich nicht besonders magst.
Vielleicht sogar besonders dann.
Denn genau dort liegt der Wendepunkt. Nicht im Hochglanzmoment, sondern mitten im Chaos. Mitten im Alltag. Mitten zwischen Brotdosen, To-do-Listen, Verantwortung und innerem Widerstand.
Selbstliebe ist, nicht jedes Gefühl wegzumachen. Nicht jede Unsicherheit zu therapieren. Nicht jede Schwäche zu optimieren. Sondern zu bleiben. Bei dir. Auch wenn es unordentlich wird.
Und manchmal bedeutet Selbstliebe auch, über dich selbst zu lachen. Über deinen Perfektionismus. Deine Kontrollversuche. Deine alten Muster, die sich melden, obwohl du dachtest, du wärst längst „weiter“. Spoiler: Niemand ist jemals fertig.
Selbstliebe heißt nicht, dass alles leicht wird. Sie heißt, dass du dich nicht mehr gegen dich selbst stellst. Dass du aufhörst, dich als Problem zu sehen, das gelöst werden muss.
Du bist kein Projekt. Du bist ein Mensch.
Und vielleicht ist genau das die größte Form von Selbstliebe: aufzuhören, dich ständig reparieren zu wollen – und stattdessen anzufangen, dich zu begleiten.
Nicht perfekt. Nicht immer liebevoll. Aber ehrlich.
Und das reicht erstaunlich oft völlig aus.
Und trotzdem. So ehrlich müssen wir sein: Selbstliebe klingt leichter, als sie sich lebt.
Denn der Alltag fragt nicht höflich, ob du heute gut mit dir umgehen möchtest. Er kommt einfach. Mit Terminen, Erwartungen, Kindern, Partnerschaften, Verpflichtungen, Rollen. Und irgendwo dazwischen sitzt dieses leise Gefühl, dass du eigentlich wüsstest, was dir guttun würde – es aber trotzdem nicht tust.
Nicht aus Dummheit. Sondern aus Gewohnheit.
Viele von uns haben früh gelernt, sich selbst hinten anzustellen. Nicht, weil niemand uns geliebt hätte, sondern weil Anpassung sicherer war. Weil Harmonie belohnt wurde. Weil Funktionieren weniger Fragen aufwarf als Ehrlichkeit.
Selbstliebe fühlt sich deshalb für viele Menschen am Anfang falsch an. Egoistisch. Kalt. Übertrieben. Wie ein Regelbruch. Und genau das ist sie auch. Ein Bruch mit alten inneren Verträgen, die irgendwann sinnvoll waren – heute aber zu eng geworden sind.
Selbstliebe ist der Moment, in dem du merkst: Ich darf wachsen, auch wenn das andere irritiert. Ich darf mich verändern, auch wenn ich nicht mehr überall passe. Ich darf langsamer werden, auch wenn die Welt es eilig hat.
Sie ist kein lautes Statement. Sie ist ein inneres Aufrichten.
Im Alltag zeigt sich das oft in kleinen Entscheidungen. In dem Nein zu einem Treffen, obwohl du „eigentlich Zeit hättest“. In dem Ja zu Ruhe, obwohl noch Arbeit liegen bleibt. In dem ehrlichen Eingeständnis, dass du gerade nicht kannst, nicht willst, nicht weißt.
Selbstliebe ist nicht, immer stark zu sein. Sondern dir zu erlauben, schwach zu wirken, ohne dich dafür zu verurteilen.
Und manchmal ist Selbstliebe auch unbequem für andere. Weil du nicht mehr automatisch verfügbar bist. Weil du nicht mehr alles abfederst. Weil du nicht mehr die Rolle spielst, die man von dir kennt. Das kann verunsichern. Und es ist nicht deine Aufgabe, das zu verhindern. Und ja, du wirst dadurch Menschen verlieren.
Denn Selbstliebe heißt auch, Verantwortung dorthin zurückzugeben, wo sie hingehört. Nicht alles zu tragen. Nicht alles zu lösen. Nicht alles zusammenzuhalten.
Viele Menschen verwechseln Selbstliebe mit Rückzug. Mit Abgrenzung um jeden Preis. Aber echte Selbstliebe ist nicht hart. Sie ist klar. Und Klarheit ist etwas anderes als Mauern.
Sie erlaubt Nähe – ohne Selbstverlust. Sie erlaubt Mitgefühl – ohne Selbstaufgabe. Sie erlaubt Verbindung – ohne dich zu verbiegen.
Und ja, es wird Tage geben, an denen du scheiterst. An denen du wieder zu viel machst. Zu viel gibst. Zu wenig schläfst. Dich selbst übergehst. Auch das gehört dazu. Selbstliebe ist nicht, das zu vermeiden. Selbstliebe ist, dich danach nicht dafür zu zerlegen.
Nicht innerlich abzurechnen. Nicht zu sagen: „Siehst du, kriegst du eh nicht hin.“ Sondern zu sagen: „Okay. Das war menschlich. Morgen schauen wir neu.“
Selbstliebe ist keine Technik. Kein Tool. Kein Konzept. Sie ist eine Haltung dir selbst gegenüber. Und Haltungen entstehen durch Wiederholung, nicht durch Erkenntnis allein.
Vielleicht ist das die ehrlichste Wahrheit über Selbstliebe: Sie fühlt sich oft unspektakulär an. Aber sie verändert alles. Nicht auf einmal. Sondern leise. Nachhaltig. Von innen nach außen.
Und irgendwann – ohne großes Drama – merkst du: Du bist nicht mehr ständig im Kampf mit dir. Du musst dich nicht mehr antreiben, um wertvoll zu sein. Du darfst einfach da sein.
Nicht immer glücklich. Nicht immer sicher. Aber verbunden.
Mit dir. Na, wie fühlt sich das an?



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