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Wir reden über Selbstliebe – aber niemand darüber, wie einsam wir sind

  • Autorenbild: Anne
    Anne
  • 19. Dez. 2025
  • 8 Min. Lesezeit


Über Selbstliebe wird heute so viel gesprochen, dass man meinen könnte, sie sei die Antwort auf fast alles. Schlechter Tag? Mehr Selbstliebe. Schwierige Beziehung? Mehr Selbstliebe. Einsam? Ganz klar: Du hast dich selbst noch nicht genug gefunden.

Alle sagen, wir sollen uns selbst genügen. Uns selbst lieben. Unabhängig sein. Stark. Ganz. Das klingt gut. Und es verkauft sich hervorragend. Leider hilft es vielen Menschen nur bedingt, wenn sie abends allein auf dem Sofa sitzen und sich fragen, warum sich ihr Leben trotz voller Tage so leer anfühlt.

Diese Einsamkeit ist nicht dramatisch. Sie kommt nicht mit Tränen und Herzschmerz. Sie macht keinen Lärm. Sie wirft keine Möbel um. Sie setzt sich einfach dazu. Meist abends. Meist dann, wenn alles erledigt ist und nichts mehr ablenkt. Und plötzlich ist da dieses Gefühl, dass etwas fehlt, ohne dass man genau sagen kann, was.

Das Perfide daran ist: Einsamkeit sieht heute anders aus als früher. Sie hat WLAN. Sie hat Termine. Sie hat einen Kalender, der ziemlich gut gefüllt ist. Sie hat Menschen um sich herum, Kolleginnen, Bekannte, manchmal sogar Freundschaften. Und trotzdem fühlt sich da etwas hohl an.

Man schreibt Nachrichten, die freundlich sind, aber selten ehrlich. Man führt Gespräche, die angenehm sind, aber kaum berühren. Man sagt „Lass uns mal was machen“, und beide wissen, dass das eher eine höfliche Floskel ist als ein echter Plan. Es ist ein bisschen wie der Vorsatz, ab Montag Sport zu machen. Alle nicken zustimmend, und nichts passiert.

Wir funktionieren gut in dieser Welt. Wir lachen an den richtigen Stellen. Wir wissen, was man sagen sollte. Wir posten Bilder, die zeigen, dass unser Leben in Ordnung ist. Und oft ist es das auch. Zumindest oberflächlich.

Aber innerlich fehlt etwas, das kein Podcast ersetzt. Kein noch so kluger Instagram-Post. Kein Achtsamkeitskurs. Und auch kein „Du musst nur bei dir ankommen“. Dieser Satz klingt beruhigend, hilft aber ungefähr so sehr wie „Reiß dich zusammen“, nur in einem schöneren Design.

Vielleicht liegt das Problem gar nicht darin, dass wir uns selbst zu wenig lieben. Vielleicht lieben wir uns genug. Vielleicht sind wir sogar ziemlich reflektiert, können gut allein sein, kennen unsere Bedürfnisse und unsere Grenzen. Und vielleicht sind wir trotzdem einsam.

Weil Selbstliebe kein Ersatz für Nähe ist.Und Unabhängigkeit kein Ersatz für Verbindung.

Wir sind soziale Wesen. Das ist keine Meinung, das ist Biologie. Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, in Kontakt zu sein. Gesehen zu werden. Gemeint zu sein. Wer das Bedürfnis nach Nähe hat, ist nicht bedürftig, sondern gesund. Punkt.

Trotzdem tun wir oft so, als wäre das Ziel des Erwachsenseins, niemanden mehr zu brauchen. Als wäre es eine Schwäche, jemanden zu vermissen. Als müsste man sich entschuldigen, wenn man sagt: „Ich hätte gerade gern jemanden bei mir.“

Einsamkeit fühlt sich deshalb oft nicht an wie „Ich habe niemanden“, sondern wie „Ich will niemandem zur Last fallen“. Oder wie „Ich weiß nicht, ob ich wirklich wichtig bin“. Oder wie dieses unangenehme Gefühl, immer diejenige zu sein, die zuerst schreibt, zuerst fragt, zuerst Nähe sucht.

Und irgendwann hört man auf. Nicht aus Stolz, sondern aus Müdigkeit.

Was dann bleibt, ist diese stille Einsamkeit, über die kaum jemand spricht. Weil sie peinlich ist. Weil sie nicht in das Bild passt, das wir von uns zeigen wollen. Weil Einsamkeit in einer Welt voller Kontakte wie ein persönliches Scheitern wirkt.

Dabei geht es nicht darum, dass wir zu wenig Menschen kennen. Es geht darum, dass wir uns zu selten wirklich zeigen. Und dass wir oft nicht wissen, wie man Nähe herstellt, ohne sich verletzlich zu machen. Spoiler: Es geht nicht ohne.

Vielleicht müssten wir weniger darüber reden, uns selbst zu genügen, und mehr darüber, wie sehr wir einander brauchen. Nicht ständig. Nicht rund um die Uhr. Aber ehrlich.

Nähe entsteht nicht durch perfekte Worte, sondern durch echte. Durch Sätze wie:„Mir geht es gerade nicht so gut.“„Ich fühle mich allein, obwohl eigentlich alles okay ist.“„Hast du Zeit? Ich würde dich gern sehen.“

Das sind keine großen Gesten. Aber sie sind mutig. Und sie sind menschlich.

Ich kenne diese Abende. Ich kenne dieses Gefühl, dass alles läuft und sich trotzdem etwas falsch anfühlt. Ich kenne den Gedanken, ob mit mir etwas nicht stimmt, weil ich mich einsam fühle, obwohl ich doch „dankbar sein sollte“. Und ich weiß heute: Das Problem war nie mangelnde Selbstliebe. Es war fehlende Verbindung.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem wir umdenken müssen. Selbstliebe ist wichtig. Aber sie ist kein Endziel. Sie ist eher die Basis, von der aus wir den Mut haben, wieder auf andere zuzugehen.

Und vielleicht wäre unsere Welt ein bisschen weniger erschöpft, wenn wir aufhören würden, Einsamkeit zu therapieren, und anfangen würden, sie ernst zu nehmen. Nicht als Makel. Sondern als Signal.

Wenn du dich in diesen Worten wiederfindest, dann ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen dafür, dass du fühlst. Und dass du Verbindung willst.

Das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Das ist etwas, das uns menschlich macht.

Vielleicht sind wir nicht zu wenig bei uns angekommen. Vielleicht sind wir einfach zu selten wirklich bei einander.


Warum Einsamkeit heute so alltäglich geworden ist


Einsamkeit ist kein rein persönliches Thema. Sie entsteht nicht nur aus individuellen Lebensgeschichten, sondern auch aus der Art, wie wir heute leben. Vieles in unserem Alltag ist darauf ausgerichtet, besser zu funktionieren. Wir optimieren unseren Schlaf, unsere Ernährung, unsere Produktivität, unsere Routinen. Manchmal fühlt sich selbst etwas so Einfaches wie Wasser trinken nach Selbstoptimierung an. Was dabei oft auf der Strecke bleibt, ist Verbindung.

Beziehungen lassen sich nicht planen wie ein Trainingsprogramm. Nähe kann man nicht abhaken wie „zweimal Sport diese Woche“. Freundschaft braucht Zeit, Wiederholung und etwas, das wir heute kaum noch üben: Verletzlichkeit. Und genau das ist unbequem. Es lässt sich nicht messen, nicht beschleunigen und nicht kontrollieren. Manchmal ist es sogar peinlich, weil man sich zeigen muss, ohne zu wissen, wie der andere reagiert.

Gleichzeitig sind wir von Kontakten umgeben. Wir kennen viele Menschen, wir wissen viel voneinander, wir sind ständig in irgendeiner Form in Austausch. Aber Nähe entsteht nicht automatisch aus Kontakt. Soziale Medien belohnen Darstellung, nicht Beziehung. Wer vor allem seine beste Version zeigt, bekommt vielleicht Zustimmung, aber nicht unbedingt Verbundenheit. Nähe entsteht dort, wo jemand auch das Unfertige sieht und nicht geht.

Viele Beziehungen sind heute flexibel, lose, jederzeit abrufbar. Man schreibt sich, denkt aneinander, hört Sprachnachrichten zwischen zwei Terminen. Das ist nicht falsch. Aber es kann dünn werden. Und wenn Beziehungen dünn werden, fühlt sich das Leben irgendwann leer an, ohne dass man genau sagen kann, warum.

Was dabei oft unterschätzt wird: Einsamkeit bleibt nicht im Kopf. Sie wirkt im Körper. Unser Nervensystem unterscheidet nicht fein zwischen emotionalem und physischem Stress. Wenn Verbindung fehlt, reagiert es mit Alarm. Der Körper bleibt angespannt, Stresshormone steigen, Regeneration wird schwieriger. Viele Menschen fühlen sich müde, obwohl sie schlafen, oder innerlich angespannt, obwohl äußerlich alles funktioniert. Nicht, weil sie sich etwas einbilden, sondern weil ihr System sehr logisch auf einen Mangel reagiert, der lange übergangen wurde.

Vielleicht ist das sogar entlastend. Zu wissen, dass dieses Gefühl kein persönliches Versagen ist. Sondern eine verständliche Reaktion auf zu wenig echte Verbindung.

Trotzdem sprechen wir kaum darüber. Einsamkeit hat ein schlechtes Image. Sie klingt nach Scheitern, nach Nicht-dazugehören, nach „mit mir stimmt etwas nicht“. In einer Welt, die Stärke, Erfolg und Unabhängigkeit feiert, fühlt sich Einsamkeit wie ein Makel an. Also wird sie umbenannt. Man sagt, man sei gern für sich. Oder gerade sehr beschäftigt. Oder einfach unabhängig. Manchmal stimmt das. Manchmal ist es aber auch eine sanfte Ausweichbewegung.

Viele erleben Einsamkeit nicht als großen Schmerz, sondern als leises Ziehen. Als Druck in der Brust am Abend. Als das Gefühl, niemanden belasten zu dürfen. Als Angst, nur dann gemocht zu werden, wenn man gut funktioniert. Oder als dieses seltsame Erleben, von Menschen umgeben zu sein und sich trotzdem nicht wirklich gemeint zu fühlen. Dann kommt Scham. Und Scham macht still. Und Stille macht einsam. Ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt.


In meiner Arbeit begegne ich kaum Menschen, denen es an Selbstliebe fehlt. Im Gegenteil. Ich treffe auf Menschen, die reflektiert sind, verantwortungsvoll, wach. Menschen, die viel über sich nachgedacht haben, an sich gearbeitet haben, oft schon lange. Die ihre Muster kennen, ihre Themen benennen können und gelernt haben, sich selbst zusammenzuhalten. Viele von ihnen wirken nach außen stabil, klar, souverän.

Und trotzdem erzählen sie mir von diesem Gefühl, das sie kaum jemandem zeigen. Von einer Leere, die nicht dramatisch ist, aber beständig. Von einer Einsamkeit, die schwer zu erklären ist, weil sie nicht zu ihrem Leben passt. Es sind keine Menschen, die sich verloren haben. Es sind Menschen, die sich sehr gut kennen – und sich trotzdem manchmal allein fühlen.

Was ihnen oft fehlt, ist nicht Einsicht, nicht Selbstliebe, nicht innere Arbeit. Was fehlt, ist ehrliche Verbindung. Diese Art von Nähe, die nicht entsteht, wenn alles perfekt ist, sondern genau dann, wenn es das nicht ist. Viele warten darauf, dass Nähe irgendwann von selbst passiert. Oder darauf, erst noch stabiler, klarer, fertiger zu sein. Als müsste man erst etwas Bestimmtes erreicht haben, um jemandem wirklich nahe sein zu dürfen.

Aber Verbindung entsteht selten im aufgeräumten Zustand. Sie entsteht in Momenten, in denen jemand sagt: Ich habe gerade keinen Plan, aber ich möchte trotzdem da sein. In denen jemand zugibt, sich mit einem Gefühl allein zu fühlen. In denen jemand ehrlich wird, ohne zu wissen, ob der andere das aushält.

Diese Momente sind leise. Sie machen keine großen Ansagen. Sie wirken im ersten Moment sogar unscheinbar. Aber sie verändern etwas. Weil sie einen Raum öffnen, in dem man nicht funktionieren muss. Und ja, sie bergen ein Risiko. Denn Nähe bedeutet immer auch, dass der andere vielleicht gerade nicht kann. Dass man nicht aufgefangen wird. Dass man sich zeigt und nichts zurückkommt.

Aber ich habe gelernt: Das Risiko ist nicht das Problem. Die Distanz ist es. Denn Distanz schützt zwar, aber sie macht auch leer. Und diese Leere verschwindet nicht durch mehr Disziplin, mehr Selbstoptimierung oder mehr Unabhängigkeit.


Ich kenne diese Abende sehr gut. Diese Abende, an denen der Tag eigentlich funktioniert hat. Nichts ist schiefgelaufen. Es gab keine Katastrophe, keinen Grund, sich schlecht zu fühlen. Und trotzdem sitzt man da, irgendwann zwischen Abendessen und Müdigkeit, und merkt, dass etwas fehlt. Nicht laut. Nicht dramatisch. Eher wie eine Kälte, die langsam in den Raum zieht, obwohl die Heizung an ist.

Ich kenne dieses innere Gespräch nur zu gut. Dieses „Stell dich nicht so an“. Dieses „Andere wären froh, wenn sie dein Leben hätten“. Dieses leise Sich-selbst-zurechtweisen, weil man doch dankbar sein sollte. Und ich kenne den Moment, in dem diese Stimme plötzlich leiser wird und etwas anderes auftaucht. Etwas Ehrlicheres. Die Erkenntnis, die fast erleichternd ist, weil sie so klar ist: Ich bin nicht undankbar. Ich bin nicht schwach. Ich bin einfach ein Mensch, dem gerade etwas fehlt, das kein Erfolg, keine Struktur und keine Selbstdisziplin ersetzen kann.

Ich habe lange versucht, dieses Gefühl zu überdecken. Nicht aus Unwissen, sondern aus Gewohnheit. Ich habe mich beschäftigt gehalten. Habe mir Podcasts angehört, die klug klingen und das Gefühl vermitteln, man würde wachsen, während man zuhört. Habe Routinen aufgebaut, die Halt versprechen und ein bisschen so wirken, als könnte man sich selbst tragen, wenn man es nur richtig macht. Und ja, vieles davon hat mir wirklich geholfen. Es hat mich stabilisiert. Es hat mir Struktur gegeben. Es hat mir das Gefühl gegeben, mein Leben im Griff zu haben.

Aber irgendwann wurde mir schmerzhaft klar, was all das nicht kann. Es kann nicht ersetzen, was entsteht, wenn jemand wirklich da ist. Nicht mit Antworten. Nicht mit Ratschlägen. Sondern mit Präsenz. Mit dem einfachen Dasein. Mit einem Blick, der nicht bewertet. Mit einem Gespräch, in dem man nichts erklären oder rechtfertigen muss.

Ich habe gemerkt, wie müde es macht, immer die Starke zu sein. Wie anstrengend es ist, sich selbst permanent zu halten. Und wie sehr ich mich daran gewöhnt hatte, Nähe auf später zu verschieben. Auf einen Zeitpunkt, an dem ich klarer, stabiler, weiter wäre. Als müsste ich erst etwas Bestimmtes werden, um mir echte Verbindung zu erlauben.

Vielleicht geht es also gar nicht darum, immer weiter bei sich anzukommen. Vielleicht geht es darum, sich einzugestehen, dass Ankommen nicht bedeutet, niemanden mehr zu brauchen. Vielleicht bedeutet es, den Mut zu haben, sich wieder aufeinander zuzubewegen. Mit dem, was gerade da ist. Nicht stärker zu werden. Nicht unverwundbarer. Sondern ehrlicher.


Und vielleicht ist am Ende nicht entscheidend, wie viele Menschen in unserem Leben sind, sondern bei wem wir uns erlauben würden, wirklich da zu sein.



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