Die Wahrheit hinter männlicher Distanz: Wie alte Mutterwunden heutige Beziehungen sabotieren
- Anne

- 14. Dez. 2025
- 13 Min. Lesezeit
Es gibt Momente im Leben, in denen wir ein Verhalten beobachten, das uns gleichzeitig ratlos, traurig und – wenn wir ehrlich sind – auch ein bisschen wütend macht. Diese Momente tauchen oft dann auf, wenn ein Mann sich plötzlich von einer Frau abwendet, sie „bestraft“, schweigend ignoriert oder sogar versucht, sich auf irgendeine Weise an ihr zu rächen. Und das nicht, weil sie sein Auto zu Schrott gefahren hat oder versehentlich seine wertvolle Kaffeemaschine in den Abgrund gestürzt ist, sondern… weil sie ihm schlicht zu nahe gekommen ist.
Es reicht manchmal schon ein liebevoller Blick, ein ehrliches Gespräch oder ein Moment echter Verbundenheit – und plötzlich zieht er sich zurück, als hätte jemand einen Alarmknopf gedrückt, der nur für ihn sichtbar ist. Auf den ersten Blick wirkt so ein Rückzug hart, kalt und unnahbar. Fast so, als würde dieser Mann einen Panzer tragen, der schwerer ist als der gesamte Werkzeugkoffer eines dreifachen Hobbyhandwerkers, der überall im Haus „nur kurz etwas reparieren“ wollte.
Doch wer genauer hinsieht, wer es wagt, die Oberfläche dieses scheinbar unerschütterlichen Panzerstahls zu betrachten, erkennt etwas Überraschendes: Der Panzer ist keine Rüstung eines starken Mannes. Er ist das Schutzschild eines verletzten Jungen.
Denn ein Mann, der eine Frau „bestraft“, ist nicht stark. Er ist gekränkt. Tief verletzt – aber nicht von der Frau, die jetzt vor ihm steht, sondern von der Frau, die ihn einst geboren hat. Von der ersten Frau in seinem Leben. Von der, die ihm eigentlich hätte beibringen sollen, dass Liebe sicher ist, Nähe gut tut und Geborgenheit etwas ist, das man nicht verliert, wenn man Fehler macht.
Die unsichtbare Wunde
Auch wenn ein Mann heute souverän wirkt, erfolgreich, charmant, attraktiv – in seinem Inneren lebt oftmals ein kleiner Junge, den niemand sieht. Einer, der irgendwann einmal übersehen wurde, nicht getröstet, nicht ernst genommen, nicht gehalten. Ein Junge, der vielleicht mit strahlenden Augen ins Wohnzimmer lief, voller Hoffnung, voller Sehnsucht nach einem „Ich bin da“ – und stattdessen auf eine Mutter traf, die selbst zu müde, zu überfordert oder zu verletzt war, um ihn wahrzunehmen.
Vielleicht war seine Mutter emotional abwesend, immer irgendwie beschäftigt, irgendwo zwischen Pflichten, Sorgen und den eigenen ungeheilten Wunden gefangen. Vielleicht war sie kontrollierend, streng oder kühl – nicht aus Bosheit, sondern weil sie selbst nie gelernt hatte, wie man Nähe schenkt. Es kann auch sein, dass sie körperlich anwesend war, aber emotional so weit entfernt wie ein Stern am Nachthimmel.
Für ein Kind macht es keinen Unterschied warum – für ein Kind zählt nur dass.
Und die Botschaft, die er damals empfing, brannte sich tiefer ein als jede spätere Liebesenttäuschung:„Ich werde nicht gebraucht, so wie ich bin.“„Ich bin zu viel oder nicht genug.“„Meine Gefühle stören.“
Solche Glaubenssätze prägen eine Kinderseele wie unsichtbare Narben, die man als Erwachsener oft nicht mehr erkennt – aber deren Schmerz noch in jedem Atemzug mitschwingt. Ein Kind, das nie echte Wärme erlebt hat, entwickelt Überlebensstrategien statt Vertrauen. Es lernt nicht, wie Nähe funktioniert, sondern wie man sie vermeidet, damit es nicht wieder so weh tut.
Es lernt, dass Gefühle gefährlich sind, dass sie eine Bedrohung darstellen könnten. Dass Zuneigung keine Selbstverständlichkeit ist, sondern etwas, das man sich hart verdienen muss. Das führt dazu, dass er sich später im Leben nicht fallen lässt, sondern festhält. Nicht öffnet, sondern abblockt. Nicht fühlt, sondern kontrolliert.
Verletzlichkeit fühlt sich für ihn an wie ein Abgrund. Ein freier Fall ohne Sicherheitsnetz. Also entscheidet er sich lieber für Rückzug – ein Rückzug, der leiser beginnt, aber im Erwachsenenalter lauter wirkt als jedes Donnerwetter.
Und dieses Muster, das tief aus der Kindheit stammt, wiegt schwerer als jede Trennung, jede Zurückweisung, jede gespannte Diskussion in einer Beziehung. Denn keine noch so schmerzhafte Erfahrung im Erwachsenenalter kann die Wunde übertreffen, die ein Kind spürt, wenn es emotional allein gelassen wird.
Es ist nicht die Frau, die ihn heute liebt, die ihn verletzt – sondern die Erinnerung daran, dass Liebe für ihn schon immer unsicher war.
Der Mechanismus, der alles bestimmt
War die Mutter kalt, emotional unzugänglich oder unfähig, Zärtlichkeit auszudrücken, entwickelt der Junge eine innere Sehnsucht nach Wärme, die niemals gestillt wurde. Diese Sehnsucht trägt er wie ein unsichtbares Gefäß in sich, das auch im Erwachsenenalter leer bleibt. Und so sucht er später eine Frau, die ihn „auftauen“ soll, die all die gefrorenen Stellen in seinem Herzen wärmt, die seine Mutter nie berührt hat. Eine Frau, die intuitiv versteht, wie man jemanden hält, der nie gehalten wurde.
War die Mutter hingegen dominant, kontrollierend oder übermächtig, lernt der Junge früh, dass er keinen Einfluss hat, keinen Raum, keine Macht über sein eigenes Erleben. Er wächst mit dem Gefühl auf, lediglich zu funktionieren, statt zu existieren. Als Erwachsener sucht er dann oft unbewusst nach einer Frau, die er dominieren oder kontrollieren kann – nicht, weil er grausam wäre, sondern weil er zum ersten Mal spüren möchte, wie es ist, nicht ausgeliefert zu sein. Ein verzweifelter Versuch, ein Stück Autonomie nachzuholen, was ihm in seiner Kindheit verwehrt wurde.
Doch egal, welche Frau er trifft, egal ob sie warmherzig, stark, unabhängig oder liebevoll ist – in seinem Inneren bleibt ein Satz stehen, tief eingeprägt wie ein Brandmal:„Ich bin nicht genug.“ Nicht genug, um geliebt zu werden. Nicht genug, um gehalten zu werden. Nicht genug, um sicher zu sein.
Und genau an dieser Stelle beginnt der zerstörerische, oft unsichtbare Kreislauf, der Beziehungen sprengt, bevor sie überhaupt eine Chance hatten zu heilen.
Sie zeigt Nähe – und er erschrickt. Nähe bedeutet für ihn nicht Vertrautheit, sondern die Gefahr, erneut verletzt zu werden. Sie zeigt Wärme – und er friert ein. Wärme erinnert ihn unbewusst an das, was er nie bekommen hat, und damit an die Wunde, die er lieber verdrängen will. Sie öffnet sich – und er baut Mauern. Mauern, die schneller hochschießen als von jedem eiligen Bauarbeiter, der versucht, vor Feierabend noch die letzte Wand zu hoch zu ziehen.
Doch diese Mauern gelten nicht der Frau vor ihm. Sie sind ein Schutzwall gegen die Vergangenheit.
In der Psychologie nennt man dieses Verhalten Übertragung: Der Mensch reagiert nicht auf die reale Person im Hier und Jetzt, sondern auf eine alte emotionale Erfahrung, die unverdaut in ihm weiterlebt. Die Partnerin wird – ohne es zu wissen oder zu wollen – zu einer Projektionsfläche für seine Mutter, seine Ängste, seine Ohnmacht.
Sie denkt, sie hätte etwas falsch gemacht. Sie sucht Erklärungen. Sie zweifelt an sich.
Doch in Wahrheit kämpft er nicht mit ihr – er kämpft mit der Erinnerung an eine Zeit, in der er klein war und niemanden hatte, der ihn schützte.
Er spürt etwas in der Gegenwart, das seinen Schmerz der Vergangenheit anstößt. Und statt zu fühlen, flieht er. Statt zu reden, schweigt er. Statt zu vertrauen, kontrolliert er.
Die Tragik dieser Dynamik liegt darin, dass keiner der beiden versteht, was wirklich geschieht: Er glaubt, sie sei die Gefahr – dabei ist es seine Vergangenheit. Sie glaubt, sie sei die Ursache – dabei ist sie lediglich der Auslöser.
Es sind nicht ihre "Fehler", die ihn triggern, sondern seine alten Wunden, die aus seinem Inneren heraus eine Stimme erheben, die lange geschwiegen hat.
Warum er „bestraft“ – und warum es eigentlich Selbstschutz ist
Solche Männer bestrafen nicht, weil sie schlechte Menschen wären. Sie bestrafen, weil in ihrem Inneren ein Alarm losgeht, sobald jemand ihnen emotional zu nahe kommt. Für sie fühlt sich echte Nähe nicht nach etwas Warmem und Schönem an, sondern eher wie ein Feueralarm, der mitten in der Nacht losbricht – völlig unerwartet, viel zu laut und definitiv nichts, was man ignorieren kann.
Wärme erinnert sie an etwas, das sie damals schmerzlich vermisst haben. Nähe erinnert sie daran, wie verletzlich sie als Kinder waren. Und Liebe? Für viele dieser Männer ist Liebe nicht automatisch ein sicherer Ort, sondern eher wie ein Raum, in dem man nicht genau weiß, ob der Boden wirklich trägt. Das Risiko, wieder verletzt zu werden, erscheint größer als jede mögliche Belohnung.
Also entwickeln sie Muster, die auf den ersten Blick wirken wie Spielchen, obwohl sie in Wahrheit nichts Spielerisches an sich haben. Sie ziehen sich zurück, obwohl sie eigentlich bleiben wollen. Sie provozieren, obwohl sie Frieden suchen. Sie tun so, als wäre ihnen alles egal, obwohl es ihnen im Innersten viel zu wichtig ist. Ihr Verhalten ist weniger ein Angriff als eine verzweifelte Selbstverteidigung.
Stell dir vor, jemand hätte jahrelang gelernt, dass Berührungen wehtun können. Dann kommt ein Mensch, der ihn liebevoll berührt – und sein ganzer Körper brüllt: „Achtung, Gefahr!“ Das Ergebnis sieht dann manchmal aus wie Kälte, Rückzug oder Bestrafung. Und die Frau denkt: „Was habe ich getan?“ Dabei hat sie eigentlich gar nichts getan. Sie ist nur zu einem Auslöser geworden, der unbewusst alte Gefühle in ihm anrührt.
In seinem Kopf läuft ein innerer Film ab, den er selbst kaum versteht. Dieser Film sagt ihm, dass er lieber zuerst Distanz schaffen muss, damit niemand die Chance hat, ihn zu verletzen. Der Gedanke dahinter ist ungefähr so logisch wie ein Regenschirm aus Zucker: Er hält vielleicht zwei Sekunden, aber man fühlt sich damit sicher – zumindest für einen Moment.
Die Ironie ist, dass viele dieser Männer glauben, sie hätten alles unter Kontrolle. In Wirklichkeit kontrolliert die Angst sie. Angst, wieder enttäuscht zu werden. Angst, nicht zu genügen. Angst, dass jemand sieht, wie verletzlich sie wirklich sind. Und weil sie niemand wissen lassen wollen, wie sehr es ihnen ins Herz schneiden würde, wenn jemand sie verlässt, beginnen sie lieber selbst damit, auf Abstand zu gehen.
Von außen wirkt das Ganze wie ein absurdes Beziehungsdrama, das keiner versteht. Für ihn ist es ein Schutzmechanismus, der schon in seiner Kindheit entstanden ist. Es ist sein Versuch, sich zu retten, lange bevor jemand überhaupt daran denkt, ihn zu verletzen. Erst wenn jemand wirklich hinschaut – nicht verurteilt, nicht kämpft, sondern versteht – beginnt sich etwas zu verändern.
Das paradoxe Herz
Hinter all dieser Rüstung steckt in Wahrheit kein kalter, unnahbarer Typ, sondern ein Mann, der unglaublich viel fühlen kann. Genau das ist oft das Problem: Er fühlt zu viel. Er ist nicht gefühlskalt, er ist überempfindsam. Jede kleine Veränderung in der Stimmung, jeder Blick, jedes Wort kann in ihm etwas auslösen – manchmal mehr, als er selbst versteht.
In ihm steckt eine riesige Fähigkeit zur Fürsorge. Viele dieser Männer wären theoretisch großartige Partner: loyal, aufmerksam, beschützend, liebevoll. Aber diese Anteile liegen wie eingesperrt hinter einer dicken Wand. Seine Zärtlichkeit ist nicht weg, sie ist nur gut verpackt. Wie ein Geschenk, das nie ausgepackt wurde, weil er tief in sich glaubt, es sei sowieso nichts wert oder niemand wolle es wirklich haben.
Wenn er Nähe erlebt, fühlt er nicht nur den Moment jetzt. In ihm gehen alte Türen auf. Nähe erinnert ihn unbewusst an frühere Situationen, in denen er sich gezeigt hat – und damit allein gelassen wurde. Sein Nervensystem reagiert nicht mit „Oh wie schön, jemand ist da“, sondern mit „Achtung, das kennst du, das hat früher weh getan“. Für ihn bedeutet Nähe deshalb nicht automatisch Freude, sondern Gefahr. Gefahr, zu abhängig zu werden. Gefahr, wieder enttäuscht zu werden. Gefahr, sich wieder klein und machtlos zu fühlen.
Also hält er Nähe auf Abstand. Nicht, weil er die andere Person nicht mag, sondern weil er sich selbst schützen will. Er meldet sich weniger, wird sachlich, macht Witze, wechselt das Thema, wenn es emotional wird. Alles, was helfen könnte, den inneren Sicherheitsabstand zu halten, kommt plötzlich zum Einsatz.
Spannend wird es an dem Punkt, an dem eine Frau – oder generell ein Gegenüber – beginnt zu verstehen, dass dieses Verhalten zwar wehtut, aber nicht gegen sie persönlich gerichtet ist. Wenn sie erkennt: „Dieser Schmerz, den er da mit sich herumträgt, gehört nicht mir. Der war schon da, lange bevor ich in sein Leben kam.“
In dem Moment verschiebt sich etwas Wichtiges. Sie hört auf, sich für seine Distanz verantwortlich zu machen. Sie muss sich nicht mehr ständig fragen, was sie falsch gesagt oder getan hat. Stattdessen sieht sie: Er kämpft einen inneren Kampf, den er selbst noch gar nicht richtig versteht.
Und genau das kann der erste Schritt zur Veränderung sein – nicht, weil sie ihn „rettet“, sondern weil sie das Muster erkennt. Durch dieses Erkennen entsteht Raum. Raum, in dem er vielleicht zum ersten Mal überhaupt die Möglichkeit bekommt, sich seine eigenen Wunden anzuschauen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Raum, in dem er spüren darf: „Da ist jemand, der sieht, dass mit mir nicht etwas falsch ist, sondern dass mir etwas passiert ist.“
Heilung beginnt oft genau an dieser Stelle: wenn die Geschichte nicht mehr unbewusst abläuft, sondern bewusst wird. Wenn klar wird, dass hinter der Rüstung kein Monster steckt, sondern ein Mensch mit einem sehr empfindlichen Herzen, das irgendwann aufgehört hat, sich zu zeigen.
Die Partnerin – und ihre eigene Geschichte
Spannend ist, dass viele Frauen, die an solche Männer geraten, nicht zufällig dort landen. Es ist fast so, als hätte das Leben einen geheimen Magneten eingebaut, der Menschen mit ähnlichen Kindheitswunden zielsicher zueinander führt – und zwar mit einer Präzision, die jeder Dating-App Konkurrenz machen könnte.
Diese Frauen tragen oft selbst ein altes Muster in sich. Auch sie sind „Töchter ihrer Mutter“. Frauen, die gelernt haben, stark zu sein, weil sie keine andere Wahl hatten. Frauen, die sich Liebe wünschen, aber gleichzeitig daran gewöhnt sind, dafür zu kämpfen. Frauen, die als Mädchen vielleicht die Erwachsene im Haus waren, während ihre Mutter emotional abwesend, überfordert oder unberechenbar war.
Und so wächst in ihnen der Wunsch, endlich gesehen zu werden. Endlich diejenige zu sein, die nicht um Aufmerksamkeit bitten muss. Eine Liebe zu erleben, die bleibt, auch wenn sie mal nicht perfekt sind. Dieser Wunsch ist tief, warm und menschlich – aber genau dieser Wunsch macht sie anfällig für Männer, die selbst emotional verwundet sind.
Wenn diese beiden aufeinandertreffen, passiert etwas, das von außen romantisch aussehen könnte, aber innerlich an ein psychologisches Minenfeld erinnert. Zwei Menschen suchen Liebe – und stolpern ausgerechnet über die Wunde, die sie ihr Leben lang begleitet hat.
Sie möchte retten, weil sie hofft, dass das Geben ihr irgendwann das Bekommen ermöglicht. Sie erkennt seine Verletzungen, lange bevor er sie selbst versteht. Sie sieht den sensiblen Kern in ihm – und oft verliebt sie sich genau in diesen. Und ohne es zu merken, übernimmt sie die Rolle, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kennt: Sie kümmert sich, hält aus, hofft, dass ihre Liebe reicht.
Er dagegen will Kontrolle behalten, weil Nähe ihm Angst macht. Kontrolle ist für ihn die einzige Methode, sich nicht wieder machtlos zu fühlen. Also hält er emotionalen Abstand, reagiert unvorhersehbar, wird kalt, wenn sie warm wird. Nicht, weil er sie bestrafen will, sondern weil er überfordert ist.
Diese Dynamik führt dazu, dass beide hungern, ohne sich wirklich zu nähren. Sie hungert nach Nähe, er hungert nach Sicherheit. Beide wünschen sich Liebe – und beide stoßen immer wieder gegen dieselbe unsichtbare Wand aus Kindheitserfahrungen.
Es ist fast tragikomisch: Sie rennt auf ihn zu, er rennt vor ihr weg, und beide glauben, der jeweils andere sei das Problem. Dabei tragen sie beide dieselbe Wunde in einer anderen Verpackung. Zwei Herzen, die Liebe wollen, aber unbewusst den Schmerz wiederholen, den sie kennen – weil das Gehirn, so unglaublich es klingt, Vertrautheit manchmal mit Sicherheit verwechselt.
An solchen Stellen kann man wirklich sagen: Das Universum hat einen seltsamen Humor. Nicht unbedingt den freundlichsten – aber definitiv einen, der gerne mit Wiederholungen arbeitet.
Doch sobald beiden klar wird, dass sie nicht gegeneinander kämpfen, sondern gegen alte Muster, die sie nie bewusst gewählt haben, entsteht die Chance, diese Dauerschleife zu durchbrechen. Und manchmal beginnt genau dort ein Heilungsprozess, den keiner von ihnen je erwartet hätte.
Wenn Heilung beginnt
Heilung beginnt an einem Punkt, den viele Männer ihr ganzes Leben lang vermeiden: dem Moment, in dem sie aufhören, die Schuld nach außen zu schieben. Wenn ein Mann zum ersten Mal nicht sagt: „Alle Frauen sind so“, nicht behauptet, Beziehungen seien kompliziert oder Gefühle überbewertet, sondern innehalten kann und erkennt: „Es tut mir weh, dass meine Mutter mich nicht lieben konnte, wie ich es gebraucht hätte.“
Das ist kein kleiner Satz. Das ist eine innere Revolution.
In diesem Augenblick passiert etwas Entscheidendes. Die gewohnte Rüstung, die jahrzehntelang dafür gesorgt hat, dass niemand zu nah kommt, bekommt Risse. Und durch diese Risse fällt zum ersten Mal Licht – Licht auf das, was wirklich weh tut. Nicht die Frau heute, nicht die Partnerin, nicht die Beziehung. Sondern die alte Verletzung aus einer Zeit, in der er noch keine Worte dafür hatte.
Viele Männer verbringen ihr Leben damit, Stärke mit Kontrolle zu verwechseln. Sie versuchen, alles im Griff zu haben: ihre Gefühle, ihre Beziehungen, ihre Reaktionen, ihre Distanz. Doch echte Stärke zeigt sich nicht darin, wie hoch jemand seine Mauern baut oder wie gut er andere auf Abstand hält.
Ein wirklich starker Mann ist derjenige, der fähig ist, stehenzubleiben, wenn in ihn etwas schmerzt. Einer, der nicht wegrennt, wenn Gefühle auftauchen. Einer, der nicht sofort zum Rückzug oder zur Wut greift, sondern der sich traut, das auszuhalten, was lange versteckt war.
Dieser Moment, in dem ein Mann sich selbst erkennt, ist der Beginn einer völlig neuen Art von Freiheit. Denn solange er glaubt, dass Frauen das Problem sind, bleibt er gefangen. Gefangen in der Wiederholung, gefangen in den Mustern seiner Kindheit, gefangen in der Angst vor Nähe.
Aber wenn er versteht, dass sein Schmerz älter ist als jede Beziehung, die er je hatte, kann er aufhören, andere für seine Wunde verantwortlich zu machen. Und erst dann entsteht überhaupt die Möglichkeit, dass er sich öffnet – nicht für eine Frau, sondern für sich selbst.
Heilung bedeutet nicht, dass der Schmerz verschwindet. Heilung bedeutet, dass er endlich einen Platz bekommt, der ihn nicht länger steuert.
Und genau dort tritt ein anderer Mann hervor. Einer, der nicht kämpfen muss, um sich stark zu fühlen. Einer, der nicht bestrafen muss, um sich sicher zu fühlen. Einer, der nicht fliehen muss, um sich geschützt zu fühlen.
Sondern einer, der sagt:„Ich bleibe. Auch wenn es weh tut. Auch wenn es ungewohnt ist. Auch wenn ich Angst habe.“
Das ist echte Stärke. Die Art von Stärke, die Beziehungen heilt, Herzen verbindet und das Leben eines Mannes von Grund auf verändert.
Ein Fazit, das bleibt
Vielleicht hast du selbst schon erlebt, dass ein Mann dich auf eine Art behandelt hat, die sich nicht nach dir angefühlt hat. Du hast gespürt, dass seine Reaktionen übertrieben waren, unlogisch, verletzend oder einfach nicht in Relation zu dem standen, was wirklich passiert ist. Und tief in dir wusstest du vielleicht bereits: Das geht nicht gegen mich.
Es ist ein leiser, aber entscheidender Moment, wenn eine Frau erkennt, dass ein Mann sie nicht wegen ihrer Worte oder Taten „bestraft“, sondern weil sie in ihm etwas berührt hat, das viel älter ist als die Beziehung zwischen ihnen. Ein altes Thema. Eine alte Angst. Eine alte Wunde.
Wenn du das verstehst, kannst du beginnen, seinen Schmerz dort zu lassen, wo er hingehört – bei ihm. Nicht aus Kälte, sondern aus Klarheit. Du musst nicht länger versuchen, ihn zu heilen, indem du dich verbiegst, anpasst oder seine Launen entschuldigst. Du musst nicht länger ein Paket tragen, das nie für dich bestimmt war.
Denn ein Mann, der sich rächt, rächt sich nicht für etwas, das eine Frau getan hat. Er rächt sich in Wahrheit für das, was er als Kind gefühlt hat: Ohnmacht, Zurückweisung, Unsichtbarkeit. Es ist seine Vergangenheit, die da spricht – nicht die Gegenwart.
Doch genau hier liegt auch die Hoffnung. Ein Mann, der irgendwann erkennt, dass sein Schmerz nicht von außen kommt, sondern von innen, hört auf, seine Partnerin zum Feind zu machen. Er hört auf, Frauen als Bedrohung zu sehen. Er hört auf, Rache zu üben – weil er endlich versteht, wofür er sich eigentlich „rächt“.
Und wenn dieser Moment kommt, entsteht Raum. Raum für Bewusstsein, für Verantwortung, für Veränderung. Raum dafür, dass er beginnt, der Mensch zu werden, der hinter all den Schutzmechanismen verborgen lag. Raum dafür, dass ein verletzter Junge erwachsen werden darf, nicht durch Härte, sondern durch Ehrlichkeit.
Vielleicht ist das der Augenblick, in dem aus einem Mann, der immer nur reagiert hat, ein Mann wird, der reflektiert. Ein Mann, der nicht mehr kämpft, um nicht verletzt zu werden, sondern der beginnt, sich selbst zu verstehen.
Und vielleicht – ganz vielleicht – ist genau das der Moment, in dem aus einem verletzten Jungen zum ersten Mal ein echter Mann wird.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob er kann, sondern: Ist er bereit, erwachsen genug zu werden, um sich selbst nicht länger im Weg zu stehen?



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