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Weihnachten neu gedacht – warum die Rückkehr des Lichts wichtiger ist als jede religiöse Debatte

  • Autorenbild: Anne
    Anne
  • 23. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Weihnachten hat nicht mit Jesus begonnen. Und vielleicht ist genau das der Schlüssel, um dieses Fest endlich wieder zu verstehen.


Lange bevor von Krippen, Engeln

oder Erlösung gesprochen wurde, versammelten sich Menschen um diese Zeit aus einem ganz anderen Grund: der Wintersonnenwende. Dem Punkt im Jahr, an dem die Dunkelheit ihren Höhepunkt erreicht und sich – kaum sichtbar, aber unumkehrbar – etwas wendet. Die Tage werden wieder länger. Das Licht kehrt zurück. Für unsere Vorfahren war das keine romantische Metapher, sondern eine existentielle Erfahrung. Licht bedeutete Überleben. Hoffnung. Richtung. Es war ein Wissen, das nicht geglaubt werden musste, weil der Körper es spürte.

Die christliche Religion hat dieses Fest nicht erfunden, sie hat es überlagert. Nicht aus Bosheit, sondern aus tiefem psychologischem Verständnis. Menschen denken in Geschichten. Sie brauchen Bilder, um Wandel begreifbar zu machen. Aus dem kosmischen Wendepunkt wurde eine menschliche Erzählung. Aus der Rückkehr der Sonne die Geburt eines Kindes. Aus Licht Jesus. Das ist keine Täuschung, sondern Übersetzung. Sinn wird dann wirksam, wenn er verkörpert wird.

Und vielleicht liegt genau hier der Grund, warum Jesus auch heute – in einer Zeit voller Skepsis, Wissenschaft und wachsender Distanz zu religiösen Institutionen – nichts von seiner Kraft verloren hat. Nicht, weil wir wieder glauben wollen, sondern weil wir wieder fühlen wollen.


Psychologisch betrachtet ist Jesus weniger eine historische oder göttliche Figur als ein inneres Bild. Ein Archetyp. Ein Symbol für Entwicklung, Bewusstwerdung und Ganzheit. Der Psychologe Carl Gustav Jung beschrieb solche Gestalten als Ausdruck des Selbst – nicht als Ideal der Perfektion, sondern als Einladung zur Integration. Licht und Schatten. Stärke und Verletzlichkeit. Wissen und Nichtwissen. Jesus steht in dieser Lesart nicht für Erlösung von außen, sondern für Reifung von innen.

Weihnachten erzählt dann keine religiöse Wahrheit, sondern eine zutiefst menschliche. Etwas Neues wird geboren, während etwas Altes stirbt. Nicht spektakulär, nicht laut, sondern verletzlich, klein und schutzbedürftig. Genau so, wie echte Entwicklung beginnt. Kein Mensch wächst im Dauerlicht. Wachstum braucht Dunkelheit, Rückzug, Übergang. Unser Nervensystem weiß das längst.

Als Mentorin sehe ich so verdammt oft, wie sehr Menschen gegen diese natürlichen Prozesse ankämpfen. Wir wollen funktionieren, optimieren, kontrollieren. Wir feiern Leistung, nicht Reifung. Dabei reagiert der Körper nicht mit Dankbarkeit, sondern mit Stress, Entzündung, Erschöpfung. Chronische Anspannung ist kein Charakterproblem, sondern ein Zeichen von Überanpassung. Unser Nervensystem heilt nicht durch Druck, sondern durch Sicherheit, Verbindung und Sinn.

Jesus – psychologisch gelesen – verkörpert genau diese andere Haltung. Er stellt Systeme infrage, nicht Menschen. Er unterläuft das innere Über-Ich, das uns permanent zuflüstert, wir müssten besser, richtiger, angepasster sein. Viele der ihm zugeschriebenen Worte wirken aus heutiger Sicht erstaunlich modern. Der Mensch ist wichtiger als das Gesetz. Beziehung wichtiger als Regelkonformität. Heilung geschieht durch Annahme, nicht durch Beschämung. Das sind keine religiösen Thesen, sondern neurobiologische Realitäten.

Vielleicht ist das der Grund, warum sich viele Menschen von Kirche abwenden, aber an Jesus festhalten. Nicht aus Widerspruch, sondern aus Sensibilität. Institutionen wollen ordnen und kontrollieren. Archetypen erinnern und berühren. Jesus als psychologisches Bild erlaubt es, die Essenz zu bewahren und die Machtstrukturen loszulassen. Mitgefühl ohne Selbstaufgabe. Würde ohne Leistung. Verantwortung ohne Schuld.

In einer Zeit, in der so viele Menschen müde sind, ohne genau sagen zu können, warum, wird diese Perspektive überlebenswichtig. Wir sind erschöpft, nicht weil wir zu wenig tun, sondern weil wir zu lange gegen uns selbst gelebt haben. Dauernd erreichbar, ständig gefordert, innerlich angespannt. Viele funktionieren nach außen und fühlen sich innen leer. Andere sind überreizt, schnell verletzt, schnell erschöpft, weil ihr Nervensystem seit Jahren keinen sicheren Ort mehr kennt. Und kaum jemand spricht darüber, wie einsam es sich anfühlt, ständig stark sein zu müssen. Genau hier setzt diese andere Lesart von Weihnachten an. Nicht als Aufforderung, besser zu werden, sondern als Erlaubnis, menschlich zu sein.

Wir brauchen keine neuen Ideale, die uns sagen, wie wir sein sollten. Davon hatten wir genug. Wir brauchen Erinnerungen. Erinnerungen daran, wie sich Menschsein anfühlt, wenn es nicht unter Druck steht. Licht nicht als Ziel, das erreicht werden muss, sondern als Bewusstsein, das langsam wächst. Geburt nicht als Ergebnis, das gefeiert wird, sondern als Prozess, der Zeit braucht, Schutz braucht und Geduld. Diese Perspektive nimmt Druck aus dem System. Und Druckreduktion ist keine spirituelle Idee, sondern eine biologische Notwendigkeit.


Ob Jesus historisch existiert hat oder nicht, wird an dieser Stelle zweitrangig. Entscheidend ist nicht, was objektiv beweisbar ist, sondern was innerlich wirksam wird. Ob diese Geschichte uns härter oder weicher macht. Ob sie uns in Schuld hält oder in Verantwortung führt. Ob sie uns trennt oder verbindet. Weihnachten muss nicht geglaubt werden, um wirksam zu sein. Es will verstanden werden. Nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Körper. Mit dem Nervensystem. Mit der leisen Sehnsucht nach Sinn, die sich oft nicht laut meldet, sondern in Müdigkeit, in Tränen ohne klaren Grund, in dem Wunsch nach Ankommen.

Vielleicht ist Weihnachten in dieser neuen Zeit weniger ein religiöses Fest und mehr eine Einladung. Eine Einladung, dem Dunklen nicht sofort auszuweichen, sondern ihm zuzuhören. Dunkelheit ist nicht nur Bedrohung, sie ist auch Schutzraum. In ihr entstehen Dinge, die im grellen Licht keine Chance hätten. Übergänge brauchen Dunkelheit. Entwicklung braucht Phasen des Nicht-Wissens. Weihnachten erinnert uns daran, dass Licht nicht erzwungen werden kann. Es kommt, wenn es bereit ist. Wenn wir aufhören, uns selbst zu treiben. Wenn wir aufhören, alles sofort lösen zu wollen.

Und genau hier bekommt auch das Schenken eine neue Bedeutung. Nicht als Konsum, nicht als Pflicht, nicht als gut gemeinter Stress, sondern als zutiefst menschliche Geste. Sich zu beschenken – und sich beschenken zu lassen – ist kein oberflächliches Ritual, sondern ein Akt der Regulation. Unser Nervensystem heilt nicht durch Verzicht, sondern durch Zuwendung. Ein Geschenk sagt nicht: „Du hast etwas geleistet.“ Es sagt: „Du bist da.“ Gerade an Weihnachten, wenn alte Erinnerungen, Verluste, Sehnsüchte und unerfüllte Erwartungen besonders nah sind, wirkt diese Botschaft tiefer als zu jeder anderen Zeit im Jahr.

Viele Menschen tragen eine enorme innere Härte mit sich. Sie halten durch, bewerten sich, funktionieren. Das Schenken unterbricht dieses Muster für einen Moment. Es erlaubt Empfangen ohne Gegenleistung. Sich selbst etwas zu schenken bedeutet nicht Egoismus, sondern Selbstregulation. Zeit, Milde, Aufmerksamkeit, ein bewusstes Innehalten – das sind keine Luxusgüter, sondern Grundbedürfnisse eines gesunden Nervensystems.

Wenn wir die Krippe symbolisch lesen, erzählen auch die Geschenke dort keine religiöse Geschichte, sondern eine seelische. Gold steht für Würde – für den eigenen Wert jenseits von Leistung. Weihrauch für Präsenz – das bewusste Dasein im Moment. Myrrhe für die Anerkennung von Verletzlichkeit – die Bereitschaft, Schmerz und Unvollkommenheit nicht zu verdrängen. Das sind keine äußeren Gaben. Das sind innere Haltungen. Und vielleicht sind sie die wertvollsten Geschenke, die wir in diese Zeit legen können.

Sich selbst zu beschenken bedeutet dann nicht, mehr zu wollen, sondern tiefer zu fühlen. Nicht schneller zu werden, sondern langsamer. Nicht zu kontrollieren, sondern zu vertrauen. Weihnachten erinnert uns daran, dass Entwicklung Nahrung braucht. Wärme. Schutz. Zuwendung. So wie jedes Kind, das geboren wird. So wie jedes neue Bewusstsein, das langsam Gestalt annimmt.


Vielleicht ist das der leiseste, aber kraftvollste Sinn dieses Festes: Dass wir uns selbst nicht länger nur als Funktion sehen, sondern als Wesen im Werden. Und dass wir uns – in einer Welt, die uns ständig antreibt – erlauben, für einen Moment einfach da zu sein. Empfangend. Unperfekt. Lebendig.

Ist das genau das Geschenk, das diese Zeit von uns erbitten möchte?

Und vielleicht sollten wir genau deshalb unsere Vorsätze für das neue Jahr noch einmal überdenken – weniger Ziele, weniger Selbstoptimierung, weniger „Ich muss besser werden“ – und uns stattdessen etwas vornehmen, das leiser ist und zugleich radikaler: uns selbst nicht länger zu übergehen, dem eigenen Leben bewusster zu begegnen und dem Licht in uns Raum zu geben.


Und wenn du ganz sicher davon ausgehen könntest, dass sich ein einziger Wunsch wirklich erfüllt – was würdest du dir dann für dich wünschen?

 



Weißer Stern mit der Aufschrift Make a Wish, hängend an einem geschmückten Weihnachtsbaum
Weißer Stern mit der Aufschrift Make a Wish, hängend an einem geschmückten Weihnachtsbaum


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