"Happy Birthday to mE".. oder auch: heute muss ich es für alle richtig machen
- Anne

- 1. Jan. 2026
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Jan.
An meinem Geburtstag wollte ich mich am liebsten zurückziehen. Nicht, weil etwas Schlimmes passiert wäre, nicht aus Traurigkeit oder Undankbarkeit, sondern aus einem tiefen inneren Bedürfnis nach Ruhe. Mit einem inneren Wunsch: "ich darf heute fühlen, auch wenn andere damit nicht klarkommen." In mir war kein Wunsch nach Feiern, nach Aufmerksamkeit oder nach besonderen Gesten. Da war nur diese leise Sehnsucht nach einem Ort, an dem nichts von mir erwartet wird. Eine Hütte im Wald. Abgelegen. Still. Ein Feuer im Kamin, das gleichmäßig brennt. Ein Sofa, in das ich mich einkuscheln kann, ohne gesehen zu werden. Ein Buch, gute Musik, vielleicht ein Glas Wein. Kein Zeitgefühl. Keine Fragen. Keine Entscheidungen. Nicht darüber, was ich mir wünsche, nicht darüber, was mir schmeckt, nicht darüber, wie ich mich fühlen sollte. Einfach nur da sein. Atmen. Existieren, ohne etwas darstellen zu müssen. Keine Antwort auf die Frage: "Gefällt dir das jetzt so? Hast du dir das so gewünscht?"
Doch so begann der Tag nicht. Schon beim Öffnen der Augen war da dieses alte, vertraute Gefühl: Ich muss funktionieren. Ich muss anwesend sein. Ich muss freundlich sein. Ich muss glücklich wirken. Ich muss andere mitnehmen, halten, vor allem – nicht enttäuschen. Es fühlte sich an, als wäre mein Geburtstag kein Raum für mich, sondern eine Aufgabe. Etwas, das erfüllt werden muss, damit es für alle anderen stimmig bleibt. Und fast automatisch und ohne einen Gedanken damit zu verlieren habe ich diese Rolle übernommen, so wie ich sie schon so oft übernommen habe, ohne bewusst darüber nachzudenken.
Ich weiß ganz genau, woher das kommt. Ich habe früh gelernt, mich selbst zurückzustellen. Nicht "zu viel" zu sein. Ich habe gelernt, Stimmungen zu lesen, noch bevor jemand sie ausspricht. Ich habe gelernt, mich anzupassen, präsent zu sein, auch wenn ich innerlich eigentlich Rückzug gebraucht hätte. Harmonie bedeutete Sicherheit. Gute Laune bedeutete Verbindung. Meine echte Stimmung hatte oft keinen Platz. Also habe ich sie leiser gemacht. Ich habe gelächelt, obwohl mir nicht danach war. Ich habe getragen, obwohl ich selbst Halt gebraucht hätte. Nicht, weil ich unehrlich war, sondern weil es sich irgendwann wie die einzige Möglichkeit angefühlt hat, dazuzugehören.
Mit der Zeit wird dieses Verhalten so selbstverständlich, dass man kaum noch merkt, wie oft man sich selbst verlässt. Dann wird selbst der eigene Geburtstag zu einem Tag, an dem man etwas leisten muss, statt einfach nur zu fühlen. Die gute Laune, die man zeigt, ist keine Lüge. Sie ist ein Schutz. Und gleichzeitig ist sie unglaublich und sowas von anstrengend. Sie kostet Kraft, besonders dann, wenn man innerlich müde ist.
Der Wunsch, nichts entscheiden zu müssen, nicht einmal kleine Dinge, ist kein Zeichen von Leere oder Orientierungslosigkeit. Er kommt aus einer tiefen Erschöpfung. Aus dem Gefühl, lange verantwortlich gewesen zu sein. Lange gespürt zu haben, was andere brauchen. Lange dagewesen zu sein, auch wenn man selbst keinen Raum hatte. Irgendwann bleibt nur noch das Funktionieren. Und selbst das fühlt sich schwer an. Leer. Unverstanden.
Was ich mir eigentlich wünsche, ist nichts Besonderes. Kein Applaus, keine großen Worte, keine Aufmerksamkeit. Ich wünsche mir einen Tag ohne Rolle. Einen Tag ohne Erwartungen, ohne Dankbarkeitspflicht, ohne das Gefühl, etwas zurückgeben zu müssen. Ich wünsche mir Neutralität. Stille. Einfaches Dasein. Weniger Ich-sollte. Einfach nur sein. Weniger Entscheiden. Ohne Bewertung. Und je ehrlicher ich mir zuhöre, desto klarer wird mir: Dieser innere Wunsch ist kein Mangel, kein Defizit, kein Zeichen von Schwäche. Das ist ein ehrlicher Stopp. Eine gesunde Antwort auf zu viel Müssen. Mein System ist erschöpft von Verantwortung für andere. Das ist kein Luxusbedürfnis. Das ist ein Grundbedürfnis.
Vielleicht erkennst du dich in diesen Zeilen wieder. Vielleicht fühlst du dich an deinem Geburtstag auch leer oder überfordert. Vielleicht möchtest du am liebsten verschwinden, statt gefeiert zu werden, und fragst dich insgeheim, warum du dich nicht einfach freuen kannst wie andere. Ich möchte dir sagen: Mit dir stimmt nichts nicht.
Vielleicht hast du einfach früh gelernt, für andere da zu sein. Vielleicht bist du erschöpft von Verantwortung für andere.
Entscheiden = Gefahr, falsch zu sein.
Gute Laune = Sicherheit herstellen.
Vielleicht war lange wenig Raum für dich selbst. Und vielleicht meldet sich an solchen Tagen genau das, was zu lange warten musste – der Wunsch nach Ruhe, nach Rückzug, nach einem Ort wie einer Hütte im Wald, an dem du nichts halten musst.
Vielleicht geht es gar nicht darum, den Geburtstag sofort anders zu leben oder alles zu verändern. Vielleicht geht es zuerst darum, dir selbst zu glauben, wenn du spürst, was du brauchst. Auch wenn du es noch nicht umsetzen kannst. Auch wenn du trotzdem funktioniert hast. Auch wenn es nur ein leiser innerer Wunsch bleibt. Manchmal ist das ehrlichste Geschenk, das wir uns machen können, kein Lächeln und keine gute Laune, sondern die stille Erlaubnis, einfach nur zu sein. Denn Sein ohne Sinn ist erlaubt. Und heute hast du dir geglaubt. Das du heute nicht konntest, heißt nicht, dass dein Wunsch falsch war. Es heißt nur, dass deine alten Muster stärker waren als dein aktuelles Bedürfnis. Heute hast du was sehr reifes erkannt: "Ich habe mich selbst verlassen, um andere nicht zu verletzen". Das ist ein alter Mechanismus. Und das du ihn jetzt benennen kannst, zeigt, dass sich etwas verändert.
Noch etwas sanftes zum Schluss: Viele Menschen mit einer ähnlichen Geschichte hatten selten bis nie einen Raum, in dem sie nichts mussten. Das du dir diesen Raum heute innerlich wünschst, heißt noch lange nicht, dass du undankbar bist. Es heißt nur: Ich bin bereit, mich nicht mehr ständig zu verlassen. Und das ist kein kleiner Schritt. Er ist vielleicht still, aber verdammt mutig! Feier dich heute an deinem Tag selbst dafür, vielleicht mit einem kleinen lächeln, dass nur du verstehst.
Du kannst den Tag nicht zurück holen, aber du kannst deinem System nachträglich etwas geben: "Es war nicht möglich, heute so zu sein, wie ich mich gefühlt habe. Aber mein Wunsch war berechtigt." Und das ist erstmal genug.




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