Wenn du diese Rauhnächte falsch begehst, bleibt dein Jahr blockiert. Zumindest sagt das gerade mein Feed
- Anne

- 26. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Jan.
Kein Salz unter der Fußmatte, kein Geldfluss. Kein Räuchern, keine Reinigung. Keine richtige Rune, keine Fülle. Und während ich das lese, spüre ich nicht Spiritualität – ich spüre Druck. Und genau da beginnt für mich das eigentliche Thema.
Denn was wir gerade erleben, ist keine harmlose Rückkehr zu alten Ritualen. Es ist eine Verschiebung. Eine, die leise passiert, schön verpackt, ästhetisch, scheinbar harmlos – und psychologisch sowas von hoch wirksam.
Früher, in einer Zeit vor Instagram, 10 Sekunden Hook und Likes, waren die Rauhnächte ein Übergangsraum. Eine Zeit außerhalb der Zeit. Eine Pause zwischen den Jahren, in der nichts entschieden, nichts optimiert, nichts „richtig gemacht“ werden musste. Übergänge sind für unser Nervensystem essenziell. Ohne sie bleiben Erfahrungen offen, Stress kann sich nicht schließen, Emotionen werden nicht integriert. In der Psychoneuroimmunologie wissen wir: Ein Körper ohne Abschluss bleibt in Alarmbereitschaft. Das Immunsystem läuft auf Reserve, die Psyche wird enger, das Denken kontrollierter. Die Seele darf hier eine kurze Pause machen, damit sie den Körper wieder einholen kann.
Die Rauhnächte boten genau dafür einen Rahmen. Nicht als Prüfung, sondern als Einladung. Zum Rückblick. Zum Verdauen. Zum Innehalten. Nicht, weil das Universum einen Kalender braucht – sondern weil unser Nervensystem Bedeutung liebt. Bedeutung reguliert. Bedeutung gibt Halt. Das nennt man Biologie, nicht Esotherik.
Rituale wie Räuchern oder das Arbeiten mit Runen waren nie dazu da, Angst zu erzeugen. Sie waren nie mit mystischer Musik hinterlegt um dich in den Bann zu ziehen, nie mit einfangenden Worten manipulativ gedacht. Sie waren Werkzeuge, um innere Prozesse sichtbar zu machen. Runen sind archetypische Symbole. Reduziert, klar, bildhaft. Unser Gehirn denkt in Bildern, nicht in abstrakten Konzepten. Wenn wir eine Rune ziehen, lesen wir keine Zukunft – wir lesen uns selbst. Unsere Themen, unsere Spannungen, unsere Sehnsüchte. Das Symbol wirkt, weil es dem Inneren eine Form gibt. Und Formen beruhigen das Nervensystem.
Auch Räuchern wirkt nicht, weil „negative Energien“ aus dem Raum fliehen, sondern weil Gerüche direkt ins limbische System gehen. Sie umgehen den Verstand, markieren Übergänge, schaffen Atmosphäre. Atmosphäre verändert innere Zustände. Punkt.
Doch genau hier kippt es sichtlich.
Aus Einladung wird Pflicht. Aus Symbol wird Regel. Aus Ritual wird Drohung. Aufgerissene Augen, Kerzenschein, rauchende Salbeibündel. Es wird zum "du musst"..."Sonst passiert, das...". Plötzlich reicht es nicht mehr, einfach da zu sein. Stillsitzen dürfen, in das Feuer eine Kerze zu schauen. Plötzlich heißt es: Wenn du dieses Ritual nicht exakt ausführst, wenn du diese Nacht verpasst, wenn du dieses Datum nicht einhältst, wenn du dich nicht „schützt“, dann wird dein Jahr blockiert sein. Dann fließt kein Geld. Dann bleibt dein Leben stecken. Dann bist du auf gut deutsch- im Arsch!
Und genau hier wird es für mich ernst. Denn was hier verkauft wird, ist nicht Spiritualität. Es ist Angst in neuer spiritueller Verpackung. Das kennen wir schon alles, auch aus alter Zeit, alte Machtstrukturen von Religionsgemeinschaften.
Unser Nervensystem unterscheidet nicht sauber zwischen realer und symbolischer Bedrohung. Die Idee, etwas „energetisch falsch gemacht“ zu haben, aktiviert dieselben Stressmechanismen wie eine echte Gefahr. Cortisol steigt. Wachsamkeit steigt. Kontrolle wird wichtiger als Verbindung. Für sensible Menschen – hochsensible Personen, Menschen mit Traumaerfahrung, Angst oder chronischer Erschöpfung – ist diese Art von Botschaft extrem wirksam. Extrem schädlich. Extrem manipulativ.
Denn sie erzeugt Schuld. Nicht moralische Schuld, sondern existenzielle. Die Idee, dass Wohlstand, Sicherheit oder innere Ruhe davon abhängen, ob man ein äußeres Ritual korrekt ausführt, verlagert Verantwortung nach außen. Sie sagt nicht: Du bist wirksam. Sie sagt: Du bist abhängig.
Psychologisch ist das ein uralter Mechanismus. Genau so funktionieren religiöse Machtsysteme seit Jahrhunderten. Erlösung gegen Gehorsam. Schutz gegen Regelbefolgung. Sicherheit gegen Unterwerfung. Alte Rituale hatten damit nichts zu tun. Niemand in einer gewachsenen Kultur glaubte ernsthaft, dass Armut oder Unglück eine Strafe dafür seien, dass jemand Salz oder Zimt unter eine Matte zu streuen vergessen hatte. Das ist eine moderne Erfindung – geboren aus der Kapitalisierung von Spiritualität und der tiefen Verunsicherung unserer Zeit.
Hier treten die modernen Instagram-Hexen auf den Plan. Mit Paypal Account. Die Hexe als Symbol für Intuition, Unabhängigkeit, weibliche Kraft. Verständlich. Anziehend. Psychologisch hoch wirksam. Wir projizieren auf sie etwas, das uns fehlt: innere Autorität. Doch was heute oft verkauft wird, ist keine alte Hexenkraft, sondern eine neue Machtstruktur. Mit schöner Schrift, sanfter Musik und denselben Mechanismen wie alte Dogmen. Im Kerzenschein.
Echte Witchkraft war nie Kontrolle. Sie war Beziehung. Zu sich selbst, zum Körper, zum Zyklus. Sie war Wissen, nicht Drohung. Begleitung, nicht Anleitung. Das, was wir heute sehen, ist oft eine ästhetisierte Kopie ohne diesen Kern. Viel Symbol, wenig Verantwortung. Viel Versprechen, viel Angst.
Warum funktioniert das trotzdem so gut? Weil wir dazugehören wollen. Zugehörigkeit ist ein biologisches Grundbedürfnis. Unser Nervensystem reguliert sich besser in Gemeinschaft. Gemeinsame Rituale verbinden. Gemeinsame Erzählungen geben Halt. Wir machen das alle. Wir gehören dazu. Und wer dazugehören will, akzeptiert Regeln – selbst dann, wenn sie innerlich stressen.
Das Nervensystem heilt nicht durch Drohungen. Es heilt durch Sicherheit. Durch Erfahrungen, in denen wir spüren: Ich bin handlungsfähig. Ich bin nicht ausgeliefert. Ich darf fühlen. Ich darf Fehler machen. Genau hier liegt der Unterschied zwischen heilsamen Ritualen und manipulativen Praktiken. Heilsame Rituale öffnen Räume. Sie lassen Wahlfreiheit. Manipulative Rituale engen ein. Sie setzen Fristen. Sie drohen mit Konsequenzen.
Eigenverantwortung bedeutet hier nicht, Spiritualität abzulehnen. Sie bedeutet, die innere Autorität nicht aus der Hand zu geben. Zu erkennen, dass kein äußeres Ritual Macht über dein Leben hat, wenn es nicht in Resonanz mit deinem inneren Zustand steht. Dass Sicherheit, Fülle und Stabilität nicht erzwungen werden können – weder durch Rauch das Energiefelder ändern soll noch durch Zeichen, die du dir auf die Hand pinselst, sondern aus einem regulierten Nervensystem, aus Selbstwirksamkeit und realen Handlungen im Alltag entstehen.
Vielleicht liegt die eigentliche Kraft der Rauhnächte genau hier. Nicht im perfekten Ablauf. Nicht im „richtigen“ Tun. Sondern im bewussten Nicht-Tun. Im Spüren. Im Aushalten von Leere. Im Erlauben von Übergang.
Und jetzt eine ehrliche Frage – keine spirituelle, sondern eine körperliche:
Was wäre, wenn du dieses Jahr einfach nichts davon tust? Kein Ritual. Kein Salz. Keine Rune. Kein Salbei. Was passiert dann in dir? Spürst du Ruhe – oder spürst du Druck? Und wenn es Druck ist: Wem gehört diese Angst eigentlich?
Vielleicht beginnt genau dort etwas Neues. Vielleicht kommt dann deine wirkliche Witchkraft zum Vorschein, deine Eigenverantwortung für ein selbstbestimmtes Leben.



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